PAZIFIK

„Fiji-Time“ und unser Weg nach Westen – 05.04.2017

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Die Zeit heilt alle Wunden. Physisch und psychisch haben wir uns nach der mentalen Achterbahnfahrt der letzten Monate einigermaßen erholt und in Fidschi einen Spot gefunden, der uns etwas entspannen lässt. Nach längerer Abstinenz dürfen wir uns wieder über den Komfort einer Marina freuen und den kleinen Luxus des Seglerlebens genießen, was so viel heißt wie Duschen mit Warmwasser, Landstrom und bei Bedarf sogar ein Pool im Resort gleich nebenan.

Unbedingt erwähnenswert: Die „Pirates Sunset-Bar“. Einer der bisher schönsten Spots um den allabendlichen Gang der Sonne zu beobachten, die spektakulär hinter einer Inselgruppe verschwindet. Dann weicht die schwüle Hitze des Tages einer angenehmen Brise, die etwas Abkühlung bringt.

Wir sitzen, wie schon des öfteren an der Bar und Jo, der Barkeeper, mixt uns einen „Pineapple Island Crush“. Mit dem prachtvollen Panorama im Hintergrund und der Lebensfreude der Einheimischen sind Mühen und Plagen schnell vergessen. Sie lachen halt gerne, die Fidschis. Der Vergleich nie erwachsen gewordener Kinder drängt sich auf, dementsprechend auch die herzliche Unbeschwertheit ihres Seins.

Während in der Ferne Wetterleuchten die eintretende Dunkelheit erhellen, werden Erinnerungen der letzten Monate in uns wach. Wie war das noch mal? Ach ja, die leidige Geschichte aufgrund der medizinischen Eingriffe in Papeete, die Versicherung die trotz getätigter Zusage nicht bezahlen wollte und der Schweizer Konsul, der eigentlich uns helfen sollte, sich aber auf Kuschelkurs mit der polynesischen Klinik befand. Endlose Telefonate, wir beide der Verzweiflung nahe, ich in Papeete, Conny in Wien. Achterbahnfahrt der Gefühle. Freunde helfen, Gutmenschen nerven. Hektik, Chaos, Stress.

Schnorcheln mit Haien und Mantas in Moorea, leckere Wassermelonen und alte Kultstätten in Huahine, dann plötzlich der überstürzte Aufbruch nach Samoa. Ein Vöglein zwitschert uns, dass der Boden hier zu heiß wird, also ab durch die Mitte. Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Wie Zechpreller müssen wir uns davonstehlen, um nicht wegen dieser unglaublich trägen Inkompetenz dieser Versicherungsbeamten noch mehr Schwierigkeiten zu bekommen. Unmittelbar vor Aufbruch erreicht uns noch ein Vergleichsangebot der Versicherung, wir haben es aber verständlicherweise schon sehr eilig. Wer will sein Schiff schon an der Kette sehen? Wie Blitzlichter flammen diese Bilder in Gedanken auf, die Emotionen, Gott sei Dank, schon etwas abgekühlt.

Als wir nach unserem Aufbruch aus Huahine ca. 700 Meilen später und nach einigen Tagen turbulenten Segelns einen Stop-over auf der idyllischen, unter Naturschutz stehenden, Insel Suwarrov, in den Cook Islands, einlegen, ist die Hurricane Season nicht mehr weit. Harry und sein Sohn Pie, die hiesigen Ranger, sind sehr erfreut über unsere Gesellschaft, der mitgebrachte Tabak und ein Sixpack Bier erhellen ihre Gemüter. Auf der Insel des legendären Tom Neale, der einst auszog um seinen Inseltraum zu leben, finden wir überraschenderweise in Tom´s alter Hütte eine bestens ausgestattete Bibliothek mit deutschsprachigen Büchern, wir decken uns mit neuer Literatur für die langen Überfahrten ein.

Die Sturmsaison vor Augen wollen wir keine Zeit mehr verlieren, zu groß das Risiko. Und so ziehen wir schon bald wieder los, laufen nach 500 Meilen und fünf Tagen in den gut geschützten Hafen von Pago Pago ein.

American Samoa, größtes US-Territorium südlich des Äquators. Eine stinkende Fischfabrik prägt das Hafenbild. Fette amerikanische V8-Motoren, Treibstoffverschwendung, McDonald‘s, Energiegewinnung über Generatoren ohne Abgasfilterung und technischer Standard aus den 70iger Jahren dominieren. Importiert wird hier natürlich alles aus den Staaten, ein Paradebeispiel für die Amerikanisierung einer Inselpopulation. Leider finden wir auch hier nicht den erhofften Travellift, unser Unterwasserschiff hätte es aber bereits dringendst nötig.

Ein unvergessliches Highlight, eine Fahrt im Public Bus mit Musikvideountermalung. Lautstark singen wir zu erstklassiger Musik von ABBA, während die tropische Insellandschaft an uns vorbeizieht. Eine Originalaufnahme von damals, ein Erlebnis, sehr speziell und wie für uns gemacht.

Zwischenzeitlich ist es in der Sunset-Bar voller geworden. Das Publikum in dieser Marina besteht zu einem großen Teil aus Fremden, die beschlossen haben, dauerhaft oder für immer in Fidschi zu bleiben. Eine Permanent Residence kann man hier erwerben, sofern die nötigen Mittel vorhanden sind. Es ist halt wie überall, mit Geld kann man´s richten. Ist aber verständlich, Fidschi ist wirklich ein Ort, wo man hängenbleiben könnte, selten findet man freundlichere, wenn auch etwas einfache, Menschen. Auf den zweiten Blick jedoch, lassen sich starre, hierarchische Strukturen erkennen, die an Mafia ähnliche Netzwerke erinnert.

Viele gutgläubige Zuwanderer sind daran schon gescheitert, das System ist klarerweise auf auswärtiges Kapital angewiesen. Autonomie und Tradition bleiben dabei leider auf der Strecke. Generell könnte man behaupten, da wo die Seuche Kreuzfahrt auftritt, ist die Zerstörung dieser Werte am größten. Die „Clowns Show“ für die „Cruising Apes“, wie sie bei den Insidern genannt wird, ist nicht schön anzuschauen und hat mehr mit Prostitution als Tradition zu tun. Mindestens genau so unethisch wie Delphin-Shows im Vergnügungsparks, halt einfach falsch.

Zurück nach Pago Pago. Hat jemand Lust, ein unentdecktes Gemälde von Paul Cezanne zu erwerben? Lynn, ein dort lebender Amerikaner, besitzt eines. Für ein paar läppische Millionen USD trennt er sich davon, ein Schnäppchen also. Die Zertifizierung ist allerdings Sache des Käufers, er selbst hat einen Doktortitel aus Yale, ist außerdem ein anerkannter Experte der Ägyptologie und sich seiner Sache sehr sicher. Interesse?

Dann noch der gute Bennie O‘Brien, Manager der hiesigen Werft. Er ist aus Fidschi und erzählt uns von einer Möglichkeit, das Schiff per Autkran in Suva, Viti Levu, aus dem Wasser zu heben um die anstehenden Arbeiten zu erledigen. Hurricane sicher soll es zudem dort auch noch sein, also nichts wie hin!

Ein günstiges Wetterfenster tut sich auf und nach nur zwei Wochen klarieren wir aus American Samoa aus, um die 800 Meilen nach Fidschi hinter uns zu bringen. Die Hurricane Season hat nun offiziell begonnen und mit einem etwas flauen Gefühl im Magen setzen wir Segel. Man weiß ja nie…. Und so verschwindet Amercan Samoa hinter uns. Die anbrechende Dämmerung jedoch verheißt nichts Gutes. In allen Himmelsrichtungen kann man bereits ganz deutlich das helle Zucken von Wetterleuchten erkennen.

Der Wind passt, wir kommen gut voran. Das warme Wasser und die Luftfeuchtigkeit jedoch bilden einen idealen Nährboden für tropische Depressionen, welche wiederum die Kinderstube von heftigen Stürmen sind. Wir haben somit mit einer Menge tückischer Squalls zu kämpfen, speziell nachts. Manche von ihnen sehr heftig und hartnäckig, bis in die frühen Morgenstunden andauernd. Wenn es im Rigg zu pfeifen beginnt, drehen wir bei. Wir verzichten gerne auf ein Hand gesteuertes Kampfsegeln bei 35 Knoten Wind und bei 3 – 4 Metern Wellenhöhe. Wir sparen lieber unsere Kräfte für die gefährlichen Passagen südlich der Lau Group.

Wir überqueren die Datumsgrenze und fahren jetzt nicht mehr nach Westen, sondern kommen nun sozusagen aus dem Osten. Interessant, ein Tag ist futsch.

Meine noch durch die beiden OP´s geschwächte Physis macht sich bemerkbar und nach einer relativ schnellen aber auch anstrengenden Überfahrt erreichen wir im Morgengrauen des siebten Tages den Südosten von Viti Levu. Das Hafenbecken der Hauptstadt Suva bietet Schutz und vor dem Royal Suva Yachtclub fällt der Anker. Aufatmen.

Hier in der Vuda Marina ist es schnell ruhig geworden, die Gäste gehen nach Hause und auf ihre Schiffe. Im Becken der Marina, die als sehr sturmsicher gilt, regt sich zeitweise kein Lüftchen. Der Schutz ist gut bei Starkwind aus West, bei Ostwind-Lage wird es jedoch fast unerträglich heiß und die Moskitos feiern Hochzeit. Ein wenig noch, dann können wir wieder die Segel setzen. Sechs Monate am selben Ort ist für ein Nomadenleben auf See eine lange, wenn nicht zu lange Zeit.

Ganz in der Nähe der Nadi International Airport, welchen ich im Dezember für einen Abstecher nach Österreich nutzen konnte. Nach 38 Stunden Reisezeit und einem fetten Jetlag, gepaart mit dem Temperaturschock des europäischen Winters, erreiche ich Wien.

Emotionales Wiedersehen mit Familie und Freunden, gutes Essen, Treffen mit Schulkollegen, Sauna, Schnee, Winter. Der Rummel vor den Feiertagen, all die Weihnachtsmärkte, Glühwein, untermalt von Großstadthektik. Nach entsprechend langer Zeit am Boot ungewohnt. Leider auch, allgegenwärtig in Medien und auf der Straße, Terror in Europa. Hilflose Politik, gespaltene Bevölkerung, Parallelgesellschaften statt Integration. Auf der Insel der Seligen ist raues Wetter angesagt, der Einheitsbrei der Globalisierung fordert seinen Tribut.

Gute Neuigkeiten von meinem Wiener Anwalt. Die leidige Versicherungsgeschichte geht mich nichts mehr an, das Ganze scheint erledigt und ausgestanden. Die Sache hat uns einiges an Nerven und Energie gekostet. Das Gefühl wie es ist, ein Freibeuter der Meere zu sein, gab es ganz umsonst dazu.

Wien Schlösslgasse, Mitternacht. Eisblumen an den Fenstern, draußen hat es weit unter Null Grad. Mein Körper hat sich noch immer nicht an diese grausliche Kälte gewöhnt, ich friere immerzu. Das Telefon läutet. „Ich habe das Schiff evakuiert, bin mit den Wertsachen schon auf dem Hügel, wir haben eine Tsunami-Warnung“. Diese Nachricht haut mich regelrecht aus dem Bett. Glücklicherweise nach einigen bangen Minuten, Entwarnung. Nicht ganz ungefährlich, der pazifische Feuerring.

Während meines Aufenthalts in Wien hat Conny wieder einmal das Kommando über die sturmfest gesicherte ALIEN übernommen, sie macht ihre Sache gut. Nach einer Hurricane Warnung nun auch noch eine Tsunami Warnung. Nun, langweilig wird ihr auf der anderen Seite der Kugel also nicht. Solche Warnungen sind ernst zu nehmen, Hurricane Winston forderte letztes Jahr viele Opfer auf den Fidschi Inseln. Die Bordfrau, nach 5 Jahren Erfahrung, ein astreiner Salzbuckel, hat die Lage fest im Griff. Resolut hat sie die Locals unter Kontrolle und wehe dem, der nicht spurt.

Mittlerweile sind wir wieder vereint und wir haben das Schiff in der Vuda Marina auf Vordermann gebracht. Mit dem Autokran in Suva war‘s nix, schlicht und ergreifend eine Fidschi-Info, sehr freundlich aber leider falsch. „Don‘t worry, you are in Fidschi!“ diesen Ausspruch bekommen wir oft zu hören, wie treffend.

Bevor wir nun unseren Weg nach Westen fortsetzen, steht noch ein Abstecher auf die vorgelagerten Inseln auf unserem Plan. Sie sollen noch etwas unberührter sein… haben sie gesagt 🙂

Nuku Hiva bis Tahiti und die Ruhe vor dem Sturm/Teil II – 12.06.2016

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Peep, peep, peep, peep… Helles Licht durchdringt den milchigen Schleier vor meinen Augen. Dieser rhythmische Ton und das hektische Treiben rund um mich stören meinen Schlaf. Die Farben weiß und grün dominieren. Ich erkenne junge, hübsche Augen, der Rest des Gesichtes ist von Mundschutz und Häubchen verdeckt. „Good morning Monsieur Martin, everything ok?“

Ich begreife langsam, wo ich mich befinde, dieses Prozedere des Aufwachens nach einer Narkose kenne ich nur zu gut aus meiner Vergangenheit. Reflexartig sitzt mir der Schelm im Nacken und meine Lippen formen träge ein „Is this the heaven?“ Das grüne OP-Mäntelchen dreht sich um, sagt etwas auf französisch zu einer Kollegin, und beide lachen. Ja, sie lachen oft und gerne, diese Polynesier. Und das macht Tahiti so sympathisch, auch wenn man gerade mit Schmerzen nach einer Operation erwacht ist.

Was ist geschehen? Langsam kommen die Erinnerungen zurück, beginnen wir von vorne….

Nach unserem wilden Ritt nach Apataki und dem glücklichen Umstand einen dieser idyllischen, exklusiven Ankerplätze, die man von diesen kitschigen Südsee-Fotos her kennt, gefunden zu haben, steht erst einmal ein Relaxprogramm an. Bei Tapio und Eva, unseren finnischen Pfadfindern, ist es nicht anders. Auch sie haben vor Apataki kräftig eins auf die Mütze bekommen und benötigen ein paar ruhige Tage, um klar Schiff zu machen.

Wir nutzen die Zeit um uns zu erholen und den weißen Korallenstrand zu erkunden. Endlose Reihen von Kokospalmen wiegen sich im Wind, in der stürmischen Nacht zuvor konnte man das Fallen der reifen Kokosnüsse deutlich hören. Anders als in Kuna Yala muss man hier nicht mit den heimischen Indianern um die Früchte feilschen, hier sind es die riesigen Kokoskrabben, die Anspruch auf die begehrenswerten Nüsse erheben. Aug in Aug mit diesen, fast utopisch, wie aus einer anderen Welt anmutenden Wesen, müssen wir zusehen, unseren Anteil an diesen so köstlichen, isotonischen Durstlöschern, zu bekommen. Erstaunlicherweise kümmern sich die Kollegen nicht nur um die am Boden herumliegenden Nüsse, auch die noch auf den Palmen, hoch oben hängenden Nüsse, werden desöfteren heimgesucht.

Nach einigen Tagen wird das Robinson-Dasein doch etwas eintönig und wir holen schon einmal Wetterinformationen mit Hilfe des Kurzwellensenders der IRENE ein. Ein unangenehmes Gefühl in meiner Bauch- und Leistengegend macht sich bemerkbar und lässt sich einfach nicht mehr ignorieren. Irgend etwas scheint nicht zu stimmen. Auch dieser Umstand spricht für eine rasche Weiterreise.

Ausgestattet mit Tapios Wegepunkten, um innerhalb des Atolls den Weg zu finden, können wir gefahrlos aus dem Korallenkopf-Labyrinth entkommen. Sein Wetterbericht verspricht für die nächsten Tage gutes Segelwetter, ideal für die knapp 250 Meilen nach Tahiti und so segeln wir nach Durchfahrt der Nordpassage bei Slackwater, wie im Lehrbuch und mit Wind querab, 4 Stunden lang, mit einer Geschwindigkeit von 5 Knoten, vorbei an der Westküste Apatikis, in Richtung Süden.

Noch 10 Meilen und wir könnten das Atoll Kaukura an dessen südöstlicher Spitze passieren, um dann Kurs Südwest Richtung Papeete anzulegen. Drei Meilen bevor wir jedoch Kaukara querab an Steuerbord haben, dreht plötzlich der Wind und kommt von vorne. Hmh, was tun? Aufkreuzen, wie es sich für gestandene Segler gehört? Ja, dieses Mal soll es so sein. Seltsamerweise schwenkt die Windrichtung bei dem Wendemanöver ganze 110 Grad nach Backbord mit und schlagartig haben wir 30 Knoten aus Ost genau auf die Nase. Die einbrechende Dunkelheit mahnt ebenfalls zur Vorsicht, etwas braut sich zusammen. Das Großsegel kann ich gerade noch ins dritte Reff binden, bevor es richtig losgeht. Der Wind pfeift, die Wellen schlagen hart gegen den Bug.

Nein, das sind keine Böen, die schwarze Wand und die bedrohlichen Turmwolken kommen rasch näher. Das ist eine ausgewachsene Front. Verdammt, was ist da schon wieder los? Aber der Wetterbericht…. Nein, nicht schon wieder!

Die Genua wird auf ein kleines Dreieck zusammen gerollt und jeder andere Kurs als vor dem Wind ist angesichts der vorherrschenden Bedingungen nicht ratsam. Unsere, an den Enden offenen, Bambusstangen am Geräteträger, die wie Panflöten wirken, beginnen in allen Tonlagen zu heulen, ein untrügliches Zeichen für Starkwind.

Da wir uns zwischen drei Atollen und sehr nahe an Kaukura befinden, ist die Lage brenzlig. Starke Strömungen und vorgelagerte, bis an die Oberfläche ragende Korallenformationen, machen das Revier der Tuamotus besonders gefährlich. Vielerorts liegen mahnende Wracks von gestrandeten Schiffen!

Die Windstärke nimmt weiter zu, Regen peitscht über das Deck. Die Nacht ist über uns hereingebrochen, die Sicht gleich Null. Es bleibt nur der Ausweg Richtung Westen, und wir hoffen, dass wir gut zwischen Kaukura und Arutua durchkommen. 20 Meilen, danach Südwest anlegen können, um die offene See ohne Hindernisse zu erreichen. So der Plan. Ein schwieriges Unterfangen, aber nach 4 unendlich langen Stunden ist es endlich geschafft.

Liebe Süßwasser-Segellehrer, da ist noch etwas, dass ich bei dieser Gelegenheit loswerden möchte: Euch sei ins Stammbuch geschrieben, bei 40 Knoten Wind und drei Meter Welle, lehrbuchmäßig in den Wind zu drehen, um das Groß zu bergen, ist schlichtweg Schwachsinn. Das funktioniert nur in der grauen Theorie. Offshore ist das höchst gefährlich, und hat mit Sicherheit Beschädigungen zur Folge. Zweimal versucht, zweimal in die Hose gegangen. Kleiner Tipp: Versucht es mal vor dem Wind, das funktioniert viel besser und ist wesentlich sicherer. Auch wenn es so nicht in den Büchern steht…

Nachdem ich mein verheddertes Großsegel mit den gebrochenen Rutschern endlich geborgen habe, greifen wir auf alt bewährte Taktik zurück. Also, wie schon so oft, Sturmsegel auf den Kutterstag, Genua auf ein kleines Dreieck zusammengerollt, und schon rauschen wir manövrierfähig, mit 6 Knoten, vor dem Wind.

Ein Squall nach dem anderen zieht durch, Wind und Welle legen zu, so quälen wir uns die nächsten drei Tage und Nächte weiter nach Tahiti. Klatschnass das Gewand, drehende Winde, schweißtreibendes Kurbeln an den Winschen, keine Ruhepausen. Kurzum, das komplette Programm. Die Stimmung erreicht den Nullpunkt, segeln ist manchmal Sch…. Warum tut man sich das an? Ein vorbeifahrender Frachter bestätigt uns freundlicherweise per Funk, dass diese Wetterverhältnisse noch einige Tage andauern werden. Eine eher ernüchternde Erkenntnis.

Nur meine Bauchgegend, die macht mir echt Sorgen. Die Anstrengung ist für die Schwellung nicht gerade gut, aber ein Ausfall des Käptn´s kommt nicht in Frage. So drücke ich an meiner schmerzenden Leiste herum und merke, den Düppel kann man ja zurückdrücken. Aha! Der Verdacht auf einen Leistenbruch erhärtet sich, wäre kein Wunder, bei diesen Belastungen. Jetzt gehe ich endgültig aus dem Leim. Nun, bin schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Wie machen das eigentlich diese vielen Segler, die weit über siebzig Jahre alt sind? Respekt! Nicht ganz ungefährlich für mich, ein eingeklemmter Darm oder eine Verschlingung kann verheerende Folgen haben. Ärztliche Hilfe ist erst in Papeete zu erwarten, Vorsicht ist geboten!

Als nach endlos scheinender Zeit eines Abends Tahiti schemenhaft am Horizont zu erkennen ist, lässt der Wind etwas nach. Ankunft wahrscheinlich bei Dunkelheit, wie schon so oft. Kontrollblick in den Maschinenraum: Wasser! Kann bei starkem Regen vorkommen, ist aber für meinen Geschmack etwas zu viel. Schalter für die Bilgepumpe ein: Nichts! Nada!

Das letzte Mal vor Abfahrt kontrolliert, da war sie noch in Ordnung. Gut, die 5 Liter händisch ausschöpfen, kein Problem. Aber das Wasser sickert immer wieder nach, wir haben ein Leck! Irgendwo aus dem Heck kommt Wasser. Der Alptraum jedes Kapitäns. Zwar nur ein halber Liter pro Stunde, aber definitiv Salzwasser. Fieberhafte Suche, kein Ergebnis. Ich kann es nicht fassen!

Manches Mal bist du erschöpft, manches Mal krank, dann wieder ratlos oder am Boden zerstört. Jetzt fühle ich alles auf einmal. Nass, erschöpft, müde, aufgeplatzt wie eine Weißwurst. Verdammt, wofür eigentlich diese Müh und Plag? Zweifel an mir und unserem Tun keimen auf.

Und wie so oft, wenn ich nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand komme, weil die Mauer einfach zu dick ist, oder ich die Tür gleich nebenan nicht sehe, bekomme ich Unterstützung von meiner Bordfrau. Immer wieder erstaunlich. Wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, werde ich von ihr in meiner Verzweiflung abgeholt, aufgerichtet und wieder auf Kurs gebracht. Bemerkenswert, wie sie in den verzwicktesten Situationen Ruhe und Besonnenheit zeigt.

So entschließe ich mich, doch nicht sofort über Bord zu springen um im Suizid eine schnelle Lösung meiner Probleme zu finden. Vielmehr genießen wir zusammen den Anblick der immer größer werdenden Insel, der man das geschäftige Treiben der Zivilisation, schon von Weitem her, ansieht. Die Strapazen treten in den Hintergrund. Tahiti, ein erklärtes Ziel unserer Reise, liegt vor uns und zum Greifen nahe!

Im Norden, gleich nach dem „Point Venus“, finden wir eine ruhige Passage durch das vorgelagerte Riff und gegen Mitternacht fällt der Anker in der Bucht Taunoa, ein bemerkenswert ruhiges Plätzchen. Die Ursache des Wassereinbruchs ist schnell gefunden, eine Kleinigkeit. Jetzt erst einmal gründlich ausschlafen, alles andere wird sich finden…

Bevor mich das Sandmännchen abholt, erscheint in meinen Gedanken noch schnell mein imaginärer Freund, das Teufelchen und er flüstert mir etwas zu. Das Aufbauen, Beruhigen und Angurten des Kapitäns, wenn es brennt, ist reiner Selbstzweck der Frauen! Natürlich! Was würden sie ohne uns machen? Die haben doch nur Angst, mit der Kiste alleine in den Hafen kommen zu müssen, behauptet er allen Ernstes!! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… 🙂

Nuku Hiva bis Tahiti und die Ruhe vor dem Sturm/Teil I – 03.06.2016

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Das Klima auf den Marquesas verlangt nicht nur uns Yachties, sondern auch den Einheimischen in diesem Jahr alles ab. Auch hier bereits ein spürbarer Klimawandel. In der Bucht von Taiohae erreichen die Temperaturen tagsüber bis zu 35 Grad, nachts fällt das Barometer nur selten unter 30 Grad, die extrem hohe Luftfeuchtigkeit trägt noch das ihre dazu bei und ohne den Luxus einer Klimaanlage bedeutet dies speziell für uns Europäer, die an derartige klimatische Verhältnisse kaum gewöhnt sind, eine echte Tortur.

Nach Ende der Zyklon-Saison und bei Beginn des südlichen Winters sollte sich das Wetter wieder normalisieren und so warten wir noch bis Anfang April auf das Eintreffen der World ARC, wo aus Erfahrung technische Hilfe von Nöten sein wird. So ist es auch dieses Mal und die wenigen Tage des Aufenthaltes der ARC-Boote in der Bucht werden hektisch für Arbeiten aller Art genutzt. Natürlich sind auch einige „tricky“ Jobs dabei, bei denen die ansässigen Schrauber und Bastler an die Grenzen ihrer Fähigkeiten stoßen. Doc Martin muss her, und so haben wir wieder einmal die Gelegenheit höchst interessante Menschen und deren noble Jachten kennenzulernen, der Großteil dieser Rally-Teilnehmer aber, hinterlässt hier bei den meisten Anwesenden einen eher seltsamen Eindruck.

Bei dieser Rally-Veranstaltung haben gutbetuchte Segler die Möglichkeit, via fixem Fahr- und Zeitplan die Erde zu umrunden. Tolle Sache und mit über 20.000 Euro, exklusive der eigenen Unkosten, ist man mit dabei und wird auf eigenem Kiel mal schnell in weniger als zwei Jahren um die Welt gelotst. Lästiger Papierkram, Behördenformalitäten oder das Organisieren von Wetterberichten, Routenplanung, etc. werden von den Organisatoren übernommen. Dass sich der Gründer dieser Veranstaltung, die Segelerlegende Jimmy Cornell, von diesem Kommerz schon vor längerer Zeit distanziert und seine Idee um gutes Geld verkauft hat, spricht für sich. Nun ja, jeder wie er meint…

Nach dieser eher ernüchternden Erfahrung sind wir froh, endlich weiterziehen zu können. Bei einer Inselrundfahrt mit der österreichischen Crew der L’Avenir besichtigen wir noch die Überreste von den mystischen, rituellen Versammlungsplätzen, die meist in der Nähe uralter, wunderschöner Bäume zu finden sind. Auch gut erhaltene, alte Tikis und traditionell gebaute Gemeinschaftshäuser, sogenannte Fare, deren Architektur immer eine wunderbare Brise zulässt und die der Machtelite vorbehalten waren, sind an diesen Orten zu finden.

Schweren Herzens verabschieden wir uns von unserem treuen Begleiter „Burschi“, unserem vierbeinigen, marquesischen Freund. Wir hoffen inständig, dass er schnell genug ist, wenn zum wiederholten Mal ein abartiger Mensch versucht, ihm den Kopf abzuschneiden. Die Narben der letzten beiden Versuche sind gut verheilt und instinktiv spürt er, dass der Abschied naht. Er schmiegt sich noch einmal an uns. Sein trauriger Blick verfolgt uns noch lange, als wir in unser Dinghi steigen.

Aber jetzt! Mit Alex und Julia, einem sympathischen jungen Pärchen aus Frankreich, machen wir uns auf den Weg nach Tahuata. Ein Job auf einem französischen Katamaran erwartet die beiden dort und wie immer, wenn man einen Zeitplan hat, segelt man schon mal bei etwas turbulenterem Wetter los. Ehrensache für den Kapitän der Alien die beiden rechtzeitig abzuliefern. Bei 25 Knoten Wind und durchziehenden Squalls mit heftigen Regenschauern bolzen wir hart am Wind durch eine dunkle Nacht. 110 Seemeilen in 25 Stunden, nicht schlecht bei diesen Verhältnissen. So lernen unsere jungen Gäste gleich auch ein wenig von den härteren Seiten des Segelns kennen. Aber auch uns beutelt es kräftig durch, eigentlich wollten wir es nach der Segelpause etwas ruhiger angehen. Es sollte aber vor allem ein Vorgeschmack sein, auf das, was da später noch kommen sollte…

In Tahuata, vor Anker in Vaitahu, erholen wir uns etwas von der etwas rumpeligen Überfahrt und machen klar Schiff für die geplante Etappe über 400 Meilen zu den als gefährlich geltenden Atollen der Tuamotus. Viele Wracks, auf den Riffen aufgelaufener Schiffe zeugen davon. Vorher aber gilt es noch Frischware zu besorgen, also machen wir uns in dem kleinen Ort auf die Suche nach Obst und Gemüse. Dem Abzockversuch einer einheimischen Vahine (zu deutsch Frau) weichen wir erfolgreich aus. Wir machen ihr klar, dass 50 Dollar für ein paar Zitronen und Pampelmusen für übertrieben sind, auch das inkludierte Mittagessen mit Besichtigung ihrer Familie konnte uns nicht wirklich überzeugen. Es finden sich aber immer wieder gutgläubige Zeitgenossen, die jeden gewünschten Betrag mit einem milden Lächeln bezahlen. Leider wird dadurch, wie immer, der von Grund auf gastfreundliche Polynesier vollkommen verdorben.

Ein wenig desillusioniert machen wir uns auf den Weg und buchstäblich stolpern wir etwas außerhalb des Dorfes, auf der Suche nach dem richtigen Weg, in die Veranda eines Fischers, namens Philippe. Dort erleben wir die schon so oft beschriebene, von uns schon etwas vermisste, Gastfreundschaft der Polynesier. Auf die Frage ob wir etwas Obst kaufen könnten, werden wir ohne großes Wenn und Aber mit Bananen, Zitronen, Pampelmusen und einem riesengroßen Stück gefrorenem Thunfisch beladen, in ein Auto gesetzt und zum Anlegesteg zurückgefahren. Die von uns gegebenen Tauschwaren erscheinen uns etwas zu gering für den Gegenwert der vielen brauchbaren Sachen die wir nun in unseren Säcken haben. Geld lehnte der gute Mann entrüstet ab, aber er klagte über einen Defekt seines Motors am Boot. Klarer Fall, da hilft man gerne! Und so kommt es, dass wir den nächsten Nachmittag, bei Kaffee und selbstgemachtem Zitronensaft, mit dessen Familie verbringen und ich drei defekte Maschinen auseinander nehme und diagnostiziere. Ein Englisch sprechender Freund Phillipes fungiert als Dolmetscher, was die Sache ungemein erleichtert.

3 Meilen weiter südlich befindet sich die Bucht von Hapatoni, eine gute Ankerbucht zum Schnorcheln und Relaxen, Delfine sind hier auch keine Seltenheit. Für einige Tage verlegen wir dorthin, das glasklare blaue Wasser ist der ideale Platz um das lädierte Unterwasserschiff zu reinigen. Nach zwei Jahren, seit der letzten Kranoperation in Grenada, werden die Putzintervalle immer kürzer, was sehr anstrengend und schweißtreibend ist. Zusätzlich stehen auch einige Näharbeiten an der Genua an, die harte Überfahrt von Nuku Hiva ist nicht spurlos an dem Tuch vorübergegangen. Schade, dass Rainer nicht hier ist! Einen kompetenten Segelmacher wie ihn könnte man auf den Marquesas, und in diesem Fall vor allem ich, wirklich gut brauchen. Alternative? Es wird per Hand genäht. Basta!

Ein kurzer Abstecher in die nahe gelegene Bucht von Atuona in Hiva Oa, um noch einiges für den Aufenthalt auf den Tuamotus zu besorgen. Wir wollen endlich zu diesen Atollen aufbrechen, also ein logischer Zwischenstopp auf dem Weg zu den Gesellschaftsinseln.

Aber vorher noch ein Blick ins World Wide Web. Ja, und wie könnte es anders sein, der bürokratische Hürdenlauf in der Heimat geht in eine neue Runde. Unglaublich, wie man Dinge verdrehen, komplizieren und bis zum Erbrechen, dem reinen Selbstzweck willens, aus dem Hut zaubern kann. Ein Narr, welcher denkt, Globalisierung wurde für die Menschen und nicht für den Mammon geschaffen. Anscheinend undenkbar für jeden Beamten, sich mehr als einen Steinwurf weit von seinem Schreibtisch zu entfernen! Von der Ferne aus betrachtet, geprägt mit Erfahrungen der Bürokratie verschiedenster Nationen, erweckt das starre Wiehern des heimatlichen Amtsschimmels nur noch mitleidiges Kopfschütteln.

Glücklich die wahren Abenteurer, die vor 30 Jahren unterwegs waren! Frei und ungebunden mussten sie sich damals gefühlt haben, weit weg von der heutigen globalen Vernetzung und der Bringschuld, die uns immer wieder daran erinnert, nur kleine Rädchen in dieser riesigen Maschinerie zu sein. Und wieder einmal wird uns bewusst, dass wir zu spät aufgebrochen sind. Die wirklichen Abenteurer von damals, sie sind schon längst von uns gegangen oder haben sich irgendwo in eine Ecke Südostasiens verkrochen, wo sie ihren Lebensabend fernab dem kränkelnden System verbringen. Wir stellen uns immer öfter die Frage, ob der Abenteurer von heute das Abenteuer noch wirklich erlebt oder ob es sich vielleicht eher mehr um eine Konsumation dessen handelt.

Wetterprognosen bekommen wir zur Zeit nur über das Internet, wenn vorhanden, da sich unser diesbezügliches Computerprogramm standhaft weigert, mit unserem Satellitentelefon zu kommunizieren. Nicht wirklich eine Tragödie, da diese Vorhersagen sich mittlerweile sowieso als nicht sehr zuverlässig herausgestellt haben. Bestenfalls einen Überblick über die Großwetterlage der nächsten drei Tage kann man sich erwarten.

Nun, wir lassen uns trotzdem nicht entmutigen und brechen nach letzten Vorbereitungen von Vaitahu in Richtung der Tuamotus auf. Phillipe versorgt uns nochmals mit Zitronen, Bananen und Pampelmusen. Herzliche Verabschiedung mit einem ehrlich gemeintem „Bon voyage!“. Die ersten 12 Stunden motoren wir Richtung Südwest. Gegen Mitternacht stellt sich eine leichte Brise ein, die uns auch unter Segel etwas weiter bringt. Am nächsten Morgen stellt sich guter Wind ein und so bleibt es für die nächsten 48 Stunden. Wir machen gute Fahrt und es scheint, als ob wir das nächstgelegene Atoll, Takaroa, problemlos bei Tageslicht erreichen könnten. Da sich aber die Windrichtung kurz vor dem Erreichen unseres Zieles etwas nach Süden ändert, lassen wir dieses Atoll Steuerbord liegen und halten auf direktem Kurs Richtung dem Atoll Fakarava. Dies verlängert die Passage um 110 Meilen und einen weiteren Tag, was wir angesichts der dort vorhandenen, besseren Versorgungslage gerne in Kauf nehmen.

Aber man sollte die Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Die Götter des Meeres und des Windes wollen gefragt werden! Am Nachmittag wird die Wetterlage instabil, Wind dreht, bleibt weg, kommt aus der falschen Richtung. Turmwolken und die typischen Squall-Erscheinungen am Horizont lassen nichts Gutes erahnen. Gegen Ende des Tages zieht eine schwarze Wolkenfront genau in unsere Richtung. Gar nicht gut!!! Flucht ist angesichts der Zugbahn und der Größe der Front nicht möglich. Mit flauem Magen rüsten wir rasch auf Starkwindbesegelung um. Groß ins zweite Reff, Genua auf ein Drittel einrollen. Das Deck wird sturmfest gemacht und alles was nicht niet- und nagelfest ist, weggeräumt oder verzurrt. Keine Minute zu früh. Der Wind dreht und schlagartig haben wir eine Windstärke von bis zu dreißig Knoten. Regen peitscht beinahe waagrecht über das Cockpit. Wir können uns mit Wind von querab gut stabilisieren und laufen mit 8 Knoten und mehr in die stockfinstere Nacht. Der angelegte Kurs bringt uns geradewegs nach Apataki und glücklicherweise gibt es auf dieser Kurslinie keine Gefahrenstellen.

Der Wind pfeift uns mit 25 – 30 Knoten um die Ohren, die immer höher werdende See macht die schnelle Fahrt aber zu einer gespenstischen, wilden Jagd. Im Minutentakt krachen die Wellen schräg von Backbord über das Deck, ein besonders starker Brecher rasiert uns alle Bananen von der Staude, die heckseitig an den Solarpanelen befestigt sind. Bis hoch zum Windgenerator peitscht die See. Die Alien läuft gut, um die 8 Knoten, der Segeltrimm ist okay und der elektrische Autopilot kommt ohne hektische Lenkbewegungen zurecht. Die Schwerwettereigenschaften unseres Schiffes bewähren sich somit aufs Neue.

Dennoch sehe ich in den Augen meiner Bordfrau, erstmals seit Beginn unserer Reise, blankes Entsetzen. Die Dunkelheit, einbrechendes Wasser und die Geräuschkulisse stellen eines dieser Horrorszenarien dar, die man am liebsten nicht miterleben möchte. Diese Bedingungen setzen sich bis in die frühen Morgenstunden fort. Gegen 4 Uhr Früh scheint es aber etwas ruhiger zu werden. Der Windmesser zeigt schon etwas unter 25 Knoten und ich versuche mein Glück auf Kanal 16: „All ships, all ships, all ships, this is sailing vessel ALIEN, can anybody read me, over!“ –– Nur kurz darauf eine Antwort: „This is sailing vessel IRENE, we can read you!!!! Over!“

Und so lernt man in den ungewöhnlichsten Momenten außergewöhnlich nette Menschen kennen. Ein finnisches Seglerpärchen ist auch auf dem Weg zur Nordpassage von Apataki und anscheinend hat es nicht nur uns erwischt. Erleichterung macht sich breit! Nach Sonnenaufgang bessert sich das Wetter und wir erreichen gegen 13 Uhr die Passage ins Atoll, wo schon die „IRENE“ auf uns wartet. Freundlicherweise führen uns die ortskundigen Segler durch das kabelige, seichte Wasser der Passage, zwischen den gefürchteten Korallenköpfen hindurch, zu einem 13 Meilen entfernten und abgelegenen Ankerplatz.

Unser Anker fällt vor einem mit Palmen übersäten Strand, die Anspannung fällt angesichts dieser atemberaubenden Bilder, die sich uns offenbaren, rasch von uns ab. Unsere müden Körper fordern aber ihren Tribut und erschöpft von den Strapazen fallen wir in die Koje …….

Nuku Hiva Inselfeeling – 27.02.2016

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Der Kapitän der Alien hat zur Zeit Probleme technischer Natur auf den Schiffen der internationalen Seglercommunity zu lösen und so bleibt die Aufgabe der Berichterstattung dieses Mal an der Bordfrau hängen…

Kaum zu glauben, wie rasch die Tage verfliegen, hat man sich erst einmal eingelebt. 3 Monate sind im Nu vergangen, seitdem wir in French Polynesia angekommen sind. Und so stellt sich der Alltag vor Anker anhand der immer wieder kehrenden und notwendigen Tätigkeiten zur Systemerhaltung und der gleichbleibenden Aussicht aus unserem Cockpit viel zu schnell ein. Während wir auf unsere Ersatzteile aus Österreich warten, einige Bestellungen waren nötig, da auf den 56 Tagen unseres Pazifiktörns doch einiges an Materialschäden zu beklagen war, werden wir Teil der Seglercommunity in der Baie de Taiohae. So an die 60 – 70 Jachten ankern in dieser gut geschützten Bucht.

Viele Schiffsmotoren, die von ihren Besitzern viel zu wenig Aufmerksamkeit erhalten, verlangen nach einem professionellen Service und so kommt es, dass der Käpt´n in altbekannter Büßermanier, so bezeichnet man die demütig gebückte, kniende Körperhaltung vor dem Schiffsmotor, so manche Stunde verbringt. Der Skipper wird jetzt auch „Doc Martin“ genannt. Einige kniffelige Aufgaben hat er bereits zur vollsten Zufriedenheit der Blauwasserkapitäne erledigen können. Aber auch die leistungsstarken Außenbordmotoren der lokalen Fischer benötigen eine fachgerechte Inspektion bzw. Reparatur. Mit einem dieser Einsätze erarbeitet der Kapitän eine geführte Inseltour, die wir noch einlösen werden.

Auf unseren Landgängen werden wir, wie schon des Öfteren auf unserer Reise, von freundlichen Straßenhunden begleitet. Einer unserer vierbeinigen Freunde, eine Hündin, bringt 9 Welpen zur Welt. Um sie beim Säugen der immer hungrigen Rasselbande zu entlasten, helfen wir ein wenig mit Futter nach. Man muss wissen, dass Hunde bei den Einheimischen keinen besonders hohen Stellenwert besitzen. So sind wir Segler diejenigen, die sich um die armen Tiere kümmern. Trifft sich die Seglergemeinde zum gemeinsamen Dinner, kommt es vor, dass der Straßenhund „Burschi“ wie selbstverständlich die Gesellschaft in die gewählte Location begleitet, ruhig und brav unter dem Tisch verweilend, geduldig auf ein paar hinunterfallende Bissen wartend, das Lokal zu späterer Stunde mit der illustren Runde wieder verlässt.

Bei einer unserer Insel-Erkundungen entdecken wir nahe am Wegesrand wild wachsende Zucchinis, die niemandem zu gehören scheinen. In diesem Fall landet ein besonders großes, schönes Exemplar in unserem Kochtopf. Schon sehr schmackhaft so eine Zucchinicremesuppe. Jeder Obstbaum, jede Gemüsepflanze hat so seinen Besitzer und es ist üblich diesen zu fragen, bevor man sich bedient, sofern sich ein dazugehöriger Eigentümer ausmachen lässt. Überhaupt gibt es hier die süßesten Früchte ever, eine Palette voll von tropischen Delikatessen wie Mango, Maracuja, Pineapple, Soursop, Papaya, um einige davon zu nennen, sie schmecken hier vor Ort unglaublich süß und intensiv.

Eines meiner vielen Aufgaben als Bordfrau wird mir durch den hiesigen Wäschedienst erschwert. Dieses hier extrem überteuerte Service trägt dazu bei, dass von vielen der vor Anker liegenden Schiffen die Wäsche mit Kaltwasser und per Hand gewaschen wird. Eine ziemlich mühselige Angelegenheit, die sich in meinem Fall über 2 Tage hinzieht. Die Prozedur beginnt mit dem Einweichen der Wäsche bis zum nächsten Morgen, damit geht es den besonders hartnäckigen Flecken schon mal an den Kragen. Um den Inhalt unserer Wassertanks nicht unnötig zu vergeuden, geht es tags darauf, bewaffnet mit Bürste und Kernseife, an den Pier, wo den bösen Flecken noch einmal zu Leibe gerückt wird. Beendet wird der Waschgang mit dem Ausspülen unter fließendem Wasser. Wieder retour auf die Alien gebracht, wird die nun einigermaßen saubere Wäsche zum Trocknen an die Reling gehängt.

Unsere Wassertanks verlangen wieder einmal nach einer ordentlichen Spülung mit qualitativ hochwertigem H2O. Einigermaßen brauchbares Wasser gibt es in Taiohae nur bei den Filterstationen, die noch dazu ziemlich weit von der Anlegestelle entfernt sind. Es sind zwar zusätzliche Wasserhähne am Pier und im Dorf angebracht, dieses Wasser ist jedoch keinesfalls zum Trinken geeignet. Es ist kontaminiert, heißt es.

Daher geht es für ein paar Tage in die nur 8 Seemeilen entfernte Baie du Controleur wo sich das, durch das Buch „Taipi“ von Herman Melville, bekannt gewordene Tal Taipi befindet. In der Erzählung Melvilles (1846 erschienen) beschreibt dieser die wahre Geschichte und Abenteuer des desertierten Walfängers Tom in eben diesem Tal.

Es ergibt sich, dass Katharina aus Deutschland mit uns fährt. Eine willkommene Abwechslung. Sie verbringt gerade ihren hart verdienten Urlaub bei Manfred, unserem deutschen Seglerfreund. Wir drei hatten viel Spaß zusammen. Die Hähne, deren Population auf Nuku Hiva unwahrscheinlich hoch ist, haben jedenfalls viel zu früh gekräht :-).

Wir sind nun schon ein paar Jahre auf unserem schwimmenden Zuhause unterwegs und ich habe mittlerer Weile erkannt, dass mein Urlaub auf See beginnt. Dann wenn am Horizont keine Küstenlinie mehr zu sehen ist, dann wenn ich wieder die knarrenden Geräusche des Schiffes und das Gurgeln von Wasser an der Bordwand höre. Dann, wenn der Inselalltag Pause hat…

56 Tage Offshore, die Pazifik-Odyssee der ALIEN – 19.11.2015

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Schon viel zu lange liegen wir in der Anchorage La Playita, Panama City, vor Anker. Wie ein riesiger Schwamm saugt uns die Hektik der Großstadt allmählich auf. Der Lärm der Stadt, die Anstrengungen der notwendigen Erledigungen, gehen an die Substanz. Jegliche Besorgungen sind mühsam, das noch relativ junge, staatliche Autobussystem, unser derzeitiges Hauptverkehrsmittel, ziemlich chaotisch. Panama City ist ein Paradebeispiel für eine Nation, die viel zu schnell in den globalisierten Wirtschaftskreislauf integriert wurde. Überschwemmt mit Einkaufstempeln und Konsumgütern, Hochhäusern und Telekommunikation, alles wurde von den Amis auf Pump bereitgestellt. Zurückzuzahlen wäre das alles mit den Erträgen des vor gar nicht allzu langer Zeit, großzügig übergebenen Panamakanals. DIE offizielle Einnahmequelle der Bananenrepuplik. Eigentlich ein genialer Plan. Im Verborgenen laufen dann noch Finanzgeschäfte und Handel mit allem was nicht ganz so legal ist. Egal, Hauptsache der Rubel rollt!

Die einfachen Leute sind mit dieser rasanten Entwicklung offensichtlich überfordert, der daraus resultierende Müllberg gewaltig. So fällt den Menschen hier sprichtwörtlich vieles aus den Händen, wird durch den Regen in das Meer geschwemmt und man findet die Plastikpest noch viele Meilen weiter westlich, im Pazifik. Was für ein Irrsinn! Von diesen Eindrücken depremiert, beobachten wir das Wetter, wir wollen endlich weg, aber die Nordwinde, die uns aus dem Golf von Panama hinaus tragen sollen, lassen auf sich warten. In der Zwischenzeit meldet sich noch ein ziehender Schmerz in meinem linken Oberkiefer, Gott sei Dank noch vor Antritt der Reise. Doktor Roudriqez, der mir bereits vor einiger Zeit einen abgebrochenen Zahn repariert hat, extrahiert noch schnell meinen letzten Weisheitszahn.

Nach einer gefühlten Ewigkeit scheint es dann endlich ein günstiges Wetterfenster für unseren Törn in die Südsee zu geben. Und so brechen wir am 12. September zu den nahe gelegenen Las Perlas auf, um uns in eine gute Startposition für die vorhergesagten Winde zu bringen. Zuerst motoren wir nach Contadora, anschließend auf die Isla Bayoneta. An sich sind die Perlas wunderschöne Inseln, wenn da nicht wieder der vorbeischwimmende Plastikmüll wäre… Vor Anker reinige ich nochmals das Unterwasserschiff, man will ja gut vorbereitet sein. Die Nervosität steigt, immerhin sind es laut Fachlektüre knappe 4000 Meilen bis zum Ziel. Knappe 4000 Meilen? Als wir unsere GPS-Navigation mit Ziel Nuku Hiva, Marquesas aktivieren, stellen wir fest, dass wir mehr als 4400 Meilen zu bewältigen haben. UUUPS!!! Den lieben Bücherschreibern und Übersetzern sei ins Stammbuch geschrieben: Euer Senf, den Ihr da teilweise aus Glaskugeln rauslest, ist wieder einmal schlecht abgekupfert. Und auch die „Bibel“, Segelrouten der Welt, von Jimmy Cornell, wartet mit Meilenangaben zwischen 3790 (Nordroute) und 4051 (Südroute) für die Strecke nach Hiva Oa auf. Auch für die ca. 800 Meilen lange Strecke von Contadora auf die Galapagos Inseln, mit meist Wind und Strömung auf die Nase, 4 Tage zu veranschlagen, kann einfach nur ein Witz sein (Quelle: Programm World ARC 2015). Lieber Segelguru! Fünf, setzen! Mit dekadenten Formulierungen wie „Die heutigen, schnellen und modernen Fahrtenjachten“, scheinen übermotorisierte Ocean-Racer ab 65 Fuß und einer dementsprechend großen Crew gemeint zu sein. Die Angaben über Kurs und Zeit mögen für Schiffe wie die Queen Mary gelten, aber sicher nicht für unsereins.

Aber da wir schon mal da sind, gut aufgebunkert haben und wir sowieso nichts anderes vor haben, starten wir am 14. September um 15 Uhr. Nicht wissend, dass es 56 Tage dauern wird. In der Dämmerung beginnt der angekündigte Nordwind zu blasen, und das erste Stück, aus dem Golf von Panama hinaus, ist mit brauchbarem Wind schön zu segeln. Leider müssen wir auch hier feststellen, dass die See unter anderem stark mit Treibgut verunreinigt ist. Einige heftige Einschläge im Vorschiff sind auf ziemlich beachtliche Holzstücke zurückzuführen. Und wie sich später noch herausstellen wird, beschädigt solch ein Holzklotz den Geber des vorausschauenden Sonars so stark, dass dieses so wichtige Instrument, nicht mehr zu gebrauchen ist.

Da die Wettervorhersagen, die wir uns über Satellitentelefon beschaffen, nun ständig von den vorherrschenden Bedingungen abweichen, werden wir mißtrauisch. Was ist da los? Ach ja, alles ist anders, wir haben ein El Nino Jahr. In den ersten 7 Tagen ist beim besten Willen nur Kurs Süd möglich, unsere Richtung wäre eigentlich Süd-West. Wechselnde Windstärken mit Flauten machen uns zu schaffen. Strömungen von bis zu 2 Knoten versetzen uns erheblich, manchmal hat man das Gefühl, einfach so im Wasser zu stehen. Kurz denken wir darüber nach, die Route nach Ecuador zu nehmen, so wie viele Seglerkollegen vor uns, aber selbst dieser Süd-Süd-Ostkurs ist, ohne die Maschine übermäßig zu strapazieren, nicht möglich. Von den modernen Büchern enttäuscht, greifen wir auf ein bewährtes Standardwerk der Literatur zurück. Ocean Passages of the World (Britische Admiralität), Erstausgabe 1895. Wir haben die neue Version aus 1975 (!), die enthaltenen Informationen sind gut und treffend. Der Golf von Panama, ein äußerst schwieriges Revier für Segelschiffe, wechselnde, nicht vorhersagbare Bedingungen, steht da. Hmmm, alles klar! Machen Sie Südkurs, bis Sie West anlegen können. Ein guter Rat, den wir befolgen. Südlich der Insel Malpelo, wir befinden uns bereits im Strom, der uns stark zur Küste Kolumbiens drückt, können wir windtechnisch erstmals Kurs West anlegen. Leider nur mit zwei bis drei Knoten über Grund, aber immerhin, es ist ein Anfang.

Bei einer Strecke von diesem Ausmaß erweisen sich auch andere Faktoren, wie gewohnt, als überaus wichtig. Ernährung, Trinkwasser und eine ausreichende Mineralstoff- und Vitaminzufuhr wollen gut durchdacht sein. Wir setzen auf ein reichhaltiges und ausgewogenes Frühstück. Dieses setzt sich aus haltbarem Vollkornbrot, Dauerwurst, Eiern, Käse, Butter, Äpfel, Pate`s zusammen und wird mit Moringatee und Kaffee hinuntergespült. Wir werden die gesammten 56 Tage ausreichend davon haben, wir haben glücklicherweise das Schiff mit vielem aufgebunkert, da wir vor den schlechten Versorgungszuständen auf den Marquesas gewarnt wurden. Der nächste aufgelegte Humbug, wie wir später erfahren. Das Internet mag toll sein, viele Infos sind aber veraltet, werden nicht aktualisiert oder sind einfach nur Hörensagen. Trotz unserer relativ guten Versorgungslage an Bord purzeln uns die Kilos aber trotzdem nur so von den Hüften, so geschätzte 12 werden es bei mir gegen Ende der Reise schon sein. Unser Wassermacher ist wahrhaftig ein Segen (keine 4 Stunden Regen auf der ganzen Reise!). Conny bäckt regelmäßig köstliches, frisches Weißbrot und das Frühstück nach den anstrengenden Nachtfahrten ist jedesmal ein willkommenes Highlight.

Am 6. Oktober, 18 Uhr 45, wir sind nun schon 22 Tage unterwegs, passieren wir den Äquator. Wir haben gerade einmal ein Drittel unserer Reise hinter uns. Unsere Frischware, also Obst und Gemüse, geht nun langsam zur Neige. Das bedeutet, der Zeitpunkt, auf unsere vorgekochten und eingemachten Speisen zurückzugreifen, ist gekommen, müssen aber leider feststellen, dass uns die Panamenos ein weiteres Ei gelegt haben. Das Rindfleisch dürfte zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht mehr ganz einwandfrei gewesen sein und so sind wir gezwungen, 6 Stück, der von Conny mühsam eingemachten Gläser, den Fischen zu überlassen. Auch die Hühnereier beginnen, trotz Behandlung mit Vaseline, langsam zu vergammeln. Von Qualitätskontrolle halten die lateinamerikanischen Kollegen herzlich wenig. Ärgerlich, trotzdem bleibt unser Speiseplan bis zum Ende der Reise ausgeglichen und gut. Die Bordfrau hat die Fütterung des wichtigen Betriebsmittels, dem Kapitän, sehr gut im Griff.

Leider werden auch wir vom Fehlerteufel nicht verschont, die Belastung des Materials bei diesem Törn ist enorm. Nach 30 Tagen stelle ich am Sonnenschutz der Genua Auflösungserscheinungen fest. Zwei Nähte lösen sich, ich sehe mich schon im Geiste die Genua bergen, um sie zu nähen. Grauenhafter Gedanke bei dieser unangenehmen, 2 Meter hohen und difusen Welle. Aber auch diese Aktion bleibt mir erspart, wir können bis zum Erreichen der Inseln mit dem Tuch weiterfahren. Unbeständige Bedingungen dominieren auch die Kalmenzone, kurz nach dem Äquator zerreißt eine, in der Nacht auftretende, besonders heftige Böe unser schon sehr betagtes Großsegel, das wir im zweiten Reff fahren. Dank einer großzügigen Spende unseres Freundes Rainhardts sind wir Gott sei Dank in der Lage auf ein Ersatzsegel zurückgreifen zu können. Dieses wollen wir jedoch erst anschlagen, wenn es unbedingt nötig ist. Ein häßliches Geräusch im Rigg bringt uns eine weitere unangenehme Überraschung. Das läßt nichts gutes erahnen und tatsächlich, es haben sich einige Litzen des Stahlseiles der linken Unterwandt verabschiedet. Dumme Sache, denn es stellt sich immer wieder Leichtwind ein und wir müssen auf unser Leichtwindsegel, den Genaker, zurückgreifen. Beim Segeln unter Genaker kann die Belastung durch unerwartete Böen jedoch rasch und urplötzlich extrem groß werden. Ein etwas mulmiges Gefühl in der Magengegend macht sich daher bemerkbar, die in den Schiffkonstruktionen der 80iger Jahre noch stark überdimensionierten Stahlseile halten aber zuverlässig durch.

Auch der Autopilot macht zusehends Schwierigkeiten, ein Plastikteil bricht und der Antriebsriemen reißt. Das Damoklesschwert der Handsteuerung hängt nun über uns. Die mechanischen Probleme kann ich lösen, jetzt bereitet uns auch noch die Software Schwierigkeiten. Was tun? Guter Rat ist jetzt teuer! Richtig, die Firma Werner Ober Yachtelektronik, www.yachtelektronik.at, mit Hilfe unseres SAT-Phones kontaktieren! Ein Mail, kurze Schilderung des Problems und Herr Ober schickt postwendend die Antwort mit der fachgerechten Lösung. Noch einmal herzlichen Dank für diese kompetente und rasche Hilfestellung, mitten im Nirgendwo! Die geringe Geschwindigkeit macht mir immer noch Kopfzerbrechen. Die Strömungsverhältnisse sind besser geworden, trotzdem, wir sind nach wie vor deutlich unter unserem gewohnten Etmal. Was ist blos los? Bei einer neuerlichen Kontrolle des Unterwasserschiffes mit der wasserdichten Kamera streift mein Blick die Seitenwand des Schiffes. Da fällt es mir wie Schuppen vor den Augen. Entenmuscheln! Die halbe Bordwand hoch, alles voll! Irgendwo haben wir uns diese Pest eingefangen und aufgrund der langen Reise haben sie sich rasant vermehrt. Diese bis zu 10 cm langen Gebilde und das daraus resultierende Biotop wirken natürlich wie ein bremsender Teppich. Mit einer Stange und aufgepflanzter Spachtel kann ich die Seitenwände notdürftig säubern, aber das Unterwasserschiff…? Mein Vorschlag beizudrehen und das Schiff abzukratzen, wird von der Bordfrau kategorisch abgelehnt. Der Kapitän darf nur im äußersten Notfall ins Wasser und basta. Ich beuge mich der Mehrheit und so geht die Reise, etwas langsamer, dafür weniger rollig (der Bewuchs war immerhin auch für etwas gut) weiter.

Immer wieder, seit wir auf der Südhalbkugel sind, sichten wir nun große Fischerboote. Kein AIS, kein Radar. Anscheinend will man beim Leerfischen des Pazifiks nicht auffallen. Man braucht sich daher auch nicht wirklich wundern, wenn für den eigenen Angelhaken nicht viel übrigbleibt. Desöfteren auch Radarkontakt mit Frachtschiffen. Ganz schön was los hier draußen, ganz im Gegensatz zum Atlantik. Gut so, ist man wenigstens nicht so alleine.

Die Wetterbedingungen bleiben auf unserer gesamten Reise sehr wechselhaft und von Leichtwind dominiert. Das Unangenehmste war allerdings die Welle, die meist aus mehreren Richtungen gleichzeitig, selten unter 2 Metern Höhe und sehr rupfig war. Wind- und Autopilot hatten damit ihre Schwierigkeiten und desöfteren war, um das Rigg und die Takelage zu schonen, Handsteuerung von Nöten. Eine unangenehme Sache und zusätzliche Belastung der 2 Mann starken Crew.

Nach 39 Tagen haben wir 2/3 der Strecke absolviert, die Marquesas kommen näher. Der Wind, sofern vorhanden, kommt nun schon mehr aus Ost-Nord-Ost, wird noch schwächer, und wir segeln immer öfter unter Genaker, die einzige Möglichkeit, noch voranzukommen. Nachts stellen wir aufgrund der immer wieder durchziehenden Squalls auf Butterfly-Besegelung um. Nach 48 Tagen haben wir 130° West erreicht. Noch 600 Meilen, die Lust auf fangfrischen Fisch wächst. Die Viecherl beißen uns zwar dreimal den Köder und die Leine ab, aber keiner möchte von uns gegessen werden. Der Wind dreht nun zusehends auf Nord und wir können unseren Kurs, wie geplant, nach Nuku Hiva fortsetzen. Die Tage sind nun schon sehr monoton, die See hat uns schon erfolgreich assimiliert, der Ablauf an Bord wird etwas lethargisch abgewickelt. Conny steckt die Belastungen anscheinend besser weg, bei mir selbst merke ich deutliche Erschöpfungszustände. Konzentration und Bewegungsabläufe sind bereits eingeschränkt. Vorsicht ist angesagt, nur keine Verletzungen riskieren!

Und dann, endlich, es ist soweit! „Land in Sicht!!!“ Im ersten Morgengrauen, nach 56 Tagen, genau 8 Wochen nach unserem Aufbruch, taucht am Horizont eine in Wolken gebettete, von hohen Berggipfeln dominierte, Silhouette auf. Ua-Huka! 27 Meilen vorgelagert vor Nuku Hiva, idealer Ort um mal auszuschlafen und das Schiff von der Muschelpest zu befreien. Freude, Befriedigung, Erlösung, Dankbarkeit, Stolz, ein Feuerwerk von Gefühlen erfaßt uns. Wir haben es geschafft! Die Südseeinseln sind erreicht, am 9. November um 10 Uhr 30 fällt der Anker in der Bay d‘ Hane. Die „ALIEN“ und ihre Crew haben durchgehalten und ihr Ziel sicher erreicht. Und das ist zweifellos das Schönste und Wichtigste bei dieser Art von Abenteuern. Und wie sich später herausstellt, werden wir für diese Strapazen und Anstrengungen ausreichend entschädigt…

Adios Portobelo, Hello Pacific – 24.07.2015

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Die Zeit verfliegt, ein neuer Abschnitt unserer Reise steht bevor. Der verflixte Terminkalender bestimmt für die nächste Zeit unseren Tagesablauf, es heißt aber auch Abschied nehmen von unseren lieb gewonnenen Freunden in Portobelo.

Für Maribel und deren Sohn Elia, eine ansässige Familie, die wir ins Herz geschlossen haben, ist der Abschied sichtlich bewegend. Die gute Maribel weint, als ob eines ihrer Kinder fortgehen würde. Auch uns treibt es das Wasser in die Augen, mit so viel Mitgefühl haben wir hier an diesem rauhen Ort so ganz und gar nicht gerechnet! Das ist die andere Seite Portobelos, man muß schon eine Weile hier verbringen, um die Menschen näher kennenzulernen.

Als letzte Station besuchen wir schweren Herzens die Casa Vela. Birgit und Rainer, ein deutsches Seglerpaar hat es auf ihrer Reise hierher verschlagen, seit 2 Jahren betreibt Rainer erfolgreich seine Segelwerkstatt und Birgit kümmert sich rührend um die Gäste der dazugehörigen Fonda ( zu dt. Imbiss). Dieser Abschied fällt uns besonders schwer, zu viele Abende mit tiefsinnigen Gesprächen – wir werden die beiden sehr vermissen! Als dann auch noch Lorena und Marina an der Theke sitzen, Franz von der Bright Star und Abdul wie zufällig auftauchen, bekommt der Abend eine Eigendynamik, wie man sie nicht planen kann. Love and Peace, Lachen, Freude, Tränen, bewegende Momente. Auch die Straßenhunde, die bei Birgit ein gutes Zuhause gefunden haben, spüren dass etwas in der Luft liegt. Carlitos der Rudelführer, ein besonders intelligentes und symphatisches Tier, legt ein letztes Mal den Kopf in meinen Schoß und sieht mich mit traurigen Augen an. Goodby, mein Freund!

Um es kurz zu fassen, wir haben am nächsten Morgen unsere Abfahrt um 7 Uhr, nachdem wir alles Vergessene in der Casa Vela eingesammelt und Franz, einen unserer Linehänder, abgeholt haben, doch noch hinbekommen. Der „Hang over“ (Kater am nächsten Morgen) war gewaltig und leider sind einige der von Franz professionell geschossenen Bilder der Zensur zum Opfer gefallen. Sorry, zu privat…

Und so motoren wir bei annähernder Windstille die 20 Meilen zur Shelter Bay Marina, wo wir die Crew der Esperanza, Martina und Florian, als weitere Linehänder aufnehmen. An den Flats angekommen, heißen wir gegen 15 Uhr unseren ersten Advisor Fernando willkommen und erfahren, dass wir nicht im Paket, sondern solo hinter einem großen Frachter, in der Mitte der Schleusenkammer, geschleust werden sollen. Ok, neuer Plan. Conny am Steuer, Franz, Florian, Martina und ich an den Leinen. Fernando ist ein erfahrener Mann und mit seinen Anweisungen kommen wir dann gut und sicher durch die dreistufige Gatun Schleuse hoch in den Gatun See. Dort angekommen, geht es an eine große Boje und der symphatische Fernando verabschiedet sich. Nach einem üppigen Abendmahl wird hier übernachtet und das Einschlafen macht der Portobelo-Crew nach den gestrigen Ausschweifungen so überhaupt keine Mühe.

Am nächsten Morgen soll es um 6 Uhr mit neuem Advisor die 35 Meilen über den Gatun See weitergehen. Nach mehrmaligen Anfragen über VHF erscheint der neue Advisor dann letztendlich um 9:15 Uhr. Das bringt unser aller Zeitplan in Bedrängnis. Dieses Mal haben wir nicht so viel Glück, denn Gabriel, der neue Advisor erscheint mit dem Polster im Gesicht. Noch sichtlich zugedröhnt widmet er den Großteil seiner Aufmerksamkeit dem Smartphone und Schlafmangel der letzten Nacht. Die planmäßige Schleusung längsseits eines Passagierschiffes ist natürlich zeitlich nun auch nicht mehr möglich. Seine Verspätung nötigt uns nebenbei, den Gatun See mit 6 Knoten zu durchrasen, um nicht noch eine Nacht hier oben verbringen zu müssen. Irgendwie ist heute aber der Hund drinn, und als Florian am Steuer noch eine Frachterwelle etwas zu steil nimmt, ergießt sich ein ordentlicher Schwall Wasser in die Bugkabine. Guten Morgen!

Unsere alte Maschine läuft aber brav und wir schaffen es zeitlich gerade noch zu den Miraflores Locks um vor einem großen Frachter, letzte Gelegenheit für diesen Tag, in den Pazifik geschleust zu werden. Gabriel erzählt von 20 Jahren Erfahrung, ist sichtlich überfordert, koordiniert schlecht bis gar nicht und als auch noch ein Zwischenstop, trotz meiner Bedenken, an der Schleusenmauer nötig ist, erfaßt uns beim Anlegemanöver eine Strömung. Es drückt uns so hart an die Schleusenwand, daß wir samt Fender an der Scheuerleiste kratzen. Ärgerlich, da ja für uns kleine Yachten gilt, auf keinen Fall der Mauer zu nahe zu kommen! Nach der Glanzleistung dieses Mannes knurre ich ihn böse an und erwäge, den zugedröhnten Zwerg einfach über Bord zu schmeißen. Nach kurzer Überlegung beschließe ich dann doch, es bei einer Beschwerde zu belassen.

Der weitere Ablauf ist reibungslos, die letzte Schleuse spuckt uns in den Pazifik, wir sind gut angekommen! Herzlichen Dank nochmals den Linehändern Martina, Franz und Florian, und ein ganz großes Lob an meine tolle Bordfrau! Conny hat das Schiff souverän durch die gesammte Prozedur des Schleusens gesteuert, hat alle bestens verpflegt und mich davor bewahrt, den Zwerg zu fressen!

Nun liegen wir in der Anchorage von La Playita. Das Klima ist wesentlich angenehmer als an der Karibikseite und wir beginnen mit den Vorbereitungen für unsere bisher längste Etappe auf See, 3.900 nM nach Französisch Polynesien.

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