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Nuku Hiva bis Tahiti und die Ruhe vor dem Sturm/Teil II – 12.06.2016

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Peep, peep, peep, peep… Helles Licht durchdringt den milchigen Schleier vor meinen Augen. Dieser rhythmische Ton und das hektische Treiben rund um mich stören meinen Schlaf. Die Farben weiß und grün dominieren. Ich erkenne junge, hübsche Augen, der Rest des Gesichtes ist von Mundschutz und Häubchen verdeckt. „Good morning Monsieur Martin, everything ok?“

Ich begreife langsam, wo ich mich befinde, dieses Prozedere des Aufwachens nach einer Narkose kenne ich nur zu gut aus meiner Vergangenheit. Reflexartig sitzt mir der Schelm im Nacken und meine Lippen formen träge ein „Is this the heaven?“ Das grüne OP-Mäntelchen dreht sich um, sagt etwas auf französisch zu einer Kollegin, und beide lachen. Ja, sie lachen oft und gerne, diese Polynesier. Und das macht Tahiti so sympathisch, auch wenn man gerade mit Schmerzen nach einer Operation erwacht ist.

Was ist geschehen? Langsam kommen die Erinnerungen zurück, beginnen wir von vorne….

Nach unserem wilden Ritt nach Apataki und dem glücklichen Umstand einen dieser idyllischen, exklusiven Ankerplätze, die man von diesen kitschigen Südsee-Fotos her kennt, gefunden zu haben, steht erst einmal ein Relaxprogramm an. Bei Tapio und Eva, unseren finnischen Pfadfindern, ist es nicht anders. Auch sie haben vor Apataki kräftig eins auf die Mütze bekommen und benötigen ein paar ruhige Tage, um klar Schiff zu machen.

Wir nutzen die Zeit um uns zu erholen und den weißen Korallenstrand zu erkunden. Endlose Reihen von Kokospalmen wiegen sich im Wind, in der stürmischen Nacht zuvor konnte man das Fallen der reifen Kokosnüsse deutlich hören. Anders als in Kuna Yala muss man hier nicht mit den heimischen Indianern um die Früchte feilschen, hier sind es die riesigen Kokoskrabben, die Anspruch auf die begehrenswerten Nüsse erheben. Aug in Aug mit diesen, fast utopisch, wie aus einer anderen Welt anmutenden Wesen, müssen wir zusehen, unseren Anteil an diesen so köstlichen, isotonischen Durstlöschern, zu bekommen. Erstaunlicherweise kümmern sich die Kollegen nicht nur um die am Boden herumliegenden Nüsse, auch die noch auf den Palmen, hoch oben hängenden Nüsse, werden desöfteren heimgesucht.

Nach einigen Tagen wird das Robinson-Dasein doch etwas eintönig und wir holen schon einmal Wetterinformationen mit Hilfe des Kurzwellensenders der IRENE ein. Ein unangenehmes Gefühl in meiner Bauch- und Leistengegend macht sich bemerkbar und lässt sich einfach nicht mehr ignorieren. Irgend etwas scheint nicht zu stimmen. Auch dieser Umstand spricht für eine rasche Weiterreise.

Ausgestattet mit Tapios Wegepunkten, um innerhalb des Atolls den Weg zu finden, können wir gefahrlos aus dem Korallenkopf-Labyrinth entkommen. Sein Wetterbericht verspricht für die nächsten Tage gutes Segelwetter, ideal für die knapp 250 Meilen nach Tahiti und so segeln wir nach Durchfahrt der Nordpassage bei Slackwater, wie im Lehrbuch und mit Wind querab, 4 Stunden lang, mit einer Geschwindigkeit von 5 Knoten, vorbei an der Westküste Apatikis, in Richtung Süden.

Noch 10 Meilen und wir könnten das Atoll Kaukura an dessen südöstlicher Spitze passieren, um dann Kurs Südwest Richtung Papeete anzulegen. Drei Meilen bevor wir jedoch Kaukara querab an Steuerbord haben, dreht plötzlich der Wind und kommt von vorne. Hmh, was tun? Aufkreuzen, wie es sich für gestandene Segler gehört? Ja, dieses Mal soll es so sein. Seltsamerweise schwenkt die Windrichtung bei dem Wendemanöver ganze 110 Grad nach Backbord mit und schlagartig haben wir 30 Knoten aus Ost genau auf die Nase. Die einbrechende Dunkelheit mahnt ebenfalls zur Vorsicht, etwas braut sich zusammen. Das Großsegel kann ich gerade noch ins dritte Reff binden, bevor es richtig losgeht. Der Wind pfeift, die Wellen schlagen hart gegen den Bug.

Nein, das sind keine Böen, die schwarze Wand und die bedrohlichen Turmwolken kommen rasch näher. Das ist eine ausgewachsene Front. Verdammt, was ist da schon wieder los? Aber der Wetterbericht…. Nein, nicht schon wieder!

Die Genua wird auf ein kleines Dreieck zusammen gerollt und jeder andere Kurs als vor dem Wind ist angesichts der vorherrschenden Bedingungen nicht ratsam. Unsere, an den Enden offenen, Bambusstangen am Geräteträger, die wie Panflöten wirken, beginnen in allen Tonlagen zu heulen, ein untrügliches Zeichen für Starkwind.

Da wir uns zwischen drei Atollen und sehr nahe an Kaukura befinden, ist die Lage brenzlig. Starke Strömungen und vorgelagerte, bis an die Oberfläche ragende Korallenformationen, machen das Revier der Tuamotus besonders gefährlich. Vielerorts liegen mahnende Wracks von gestrandeten Schiffen!

Die Windstärke nimmt weiter zu, Regen peitscht über das Deck. Die Nacht ist über uns hereingebrochen, die Sicht gleich Null. Es bleibt nur der Ausweg Richtung Westen, und wir hoffen, dass wir gut zwischen Kaukura und Arutua durchkommen. 20 Meilen, danach Südwest anlegen können, um die offene See ohne Hindernisse zu erreichen. So der Plan. Ein schwieriges Unterfangen, aber nach 4 unendlich langen Stunden ist es endlich geschafft.

Liebe Süßwasser-Segellehrer, da ist noch etwas, dass ich bei dieser Gelegenheit loswerden möchte: Euch sei ins Stammbuch geschrieben, bei 40 Knoten Wind und drei Meter Welle, lehrbuchmäßig in den Wind zu drehen, um das Groß zu bergen, ist schlichtweg Schwachsinn. Das funktioniert nur in der grauen Theorie. Offshore ist das höchst gefährlich, und hat mit Sicherheit Beschädigungen zur Folge. Zweimal versucht, zweimal in die Hose gegangen. Kleiner Tipp: Versucht es mal vor dem Wind, das funktioniert viel besser und ist wesentlich sicherer. Auch wenn es so nicht in den Büchern steht…

Nachdem ich mein verheddertes Großsegel mit den gebrochenen Rutschern endlich geborgen habe, greifen wir auf alt bewährte Taktik zurück. Also, wie schon so oft, Sturmsegel auf den Kutterstag, Genua auf ein kleines Dreieck zusammengerollt, und schon rauschen wir manövrierfähig, mit 6 Knoten, vor dem Wind.

Ein Squall nach dem anderen zieht durch, Wind und Welle legen zu, so quälen wir uns die nächsten drei Tage und Nächte weiter nach Tahiti. Klatschnass das Gewand, drehende Winde, schweißtreibendes Kurbeln an den Winschen, keine Ruhepausen. Kurzum, das komplette Programm. Die Stimmung erreicht den Nullpunkt, segeln ist manchmal Sch…. Warum tut man sich das an? Ein vorbeifahrender Frachter bestätigt uns freundlicherweise per Funk, dass diese Wetterverhältnisse noch einige Tage andauern werden. Eine eher ernüchternde Erkenntnis.

Nur meine Bauchgegend, die macht mir echt Sorgen. Die Anstrengung ist für die Schwellung nicht gerade gut, aber ein Ausfall des Käptn´s kommt nicht in Frage. So drücke ich an meiner schmerzenden Leiste herum und merke, den Düppel kann man ja zurückdrücken. Aha! Der Verdacht auf einen Leistenbruch erhärtet sich, wäre kein Wunder, bei diesen Belastungen. Jetzt gehe ich endgültig aus dem Leim. Nun, bin schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Wie machen das eigentlich diese vielen Segler, die weit über siebzig Jahre alt sind? Respekt! Nicht ganz ungefährlich für mich, ein eingeklemmter Darm oder eine Verschlingung kann verheerende Folgen haben. Ärztliche Hilfe ist erst in Papeete zu erwarten, Vorsicht ist geboten!

Als nach endlos scheinender Zeit eines Abends Tahiti schemenhaft am Horizont zu erkennen ist, lässt der Wind etwas nach. Ankunft wahrscheinlich bei Dunkelheit, wie schon so oft. Kontrollblick in den Maschinenraum: Wasser! Kann bei starkem Regen vorkommen, ist aber für meinen Geschmack etwas zu viel. Schalter für die Bilgepumpe ein: Nichts! Nada!

Das letzte Mal vor Abfahrt kontrolliert, da war sie noch in Ordnung. Gut, die 5 Liter händisch ausschöpfen, kein Problem. Aber das Wasser sickert immer wieder nach, wir haben ein Leck! Irgendwo aus dem Heck kommt Wasser. Der Alptraum jedes Kapitäns. Zwar nur ein halber Liter pro Stunde, aber definitiv Salzwasser. Fieberhafte Suche, kein Ergebnis. Ich kann es nicht fassen!

Manches Mal bist du erschöpft, manches Mal krank, dann wieder ratlos oder am Boden zerstört. Jetzt fühle ich alles auf einmal. Nass, erschöpft, müde, aufgeplatzt wie eine Weißwurst. Verdammt, wofür eigentlich diese Müh und Plag? Zweifel an mir und unserem Tun keimen auf.

Und wie so oft, wenn ich nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand komme, weil die Mauer einfach zu dick ist, oder ich die Tür gleich nebenan nicht sehe, bekomme ich Unterstützung von meiner Bordfrau. Immer wieder erstaunlich. Wenn ich mit meinem Latein am Ende bin, werde ich von ihr in meiner Verzweiflung abgeholt, aufgerichtet und wieder auf Kurs gebracht. Bemerkenswert, wie sie in den verzwicktesten Situationen Ruhe und Besonnenheit zeigt.

So entschließe ich mich, doch nicht sofort über Bord zu springen um im Suizid eine schnelle Lösung meiner Probleme zu finden. Vielmehr genießen wir zusammen den Anblick der immer größer werdenden Insel, der man das geschäftige Treiben der Zivilisation, schon von Weitem her, ansieht. Die Strapazen treten in den Hintergrund. Tahiti, ein erklärtes Ziel unserer Reise, liegt vor uns und zum Greifen nahe!

Im Norden, gleich nach dem „Point Venus“, finden wir eine ruhige Passage durch das vorgelagerte Riff und gegen Mitternacht fällt der Anker in der Bucht Taunoa, ein bemerkenswert ruhiges Plätzchen. Die Ursache des Wassereinbruchs ist schnell gefunden, eine Kleinigkeit. Jetzt erst einmal gründlich ausschlafen, alles andere wird sich finden…

Bevor mich das Sandmännchen abholt, erscheint in meinen Gedanken noch schnell mein imaginärer Freund, das Teufelchen und er flüstert mir etwas zu. Das Aufbauen, Beruhigen und Angurten des Kapitäns, wenn es brennt, ist reiner Selbstzweck der Frauen! Natürlich! Was würden sie ohne uns machen? Die haben doch nur Angst, mit der Kiste alleine in den Hafen kommen zu müssen, behauptet er allen Ernstes!! Ein Schelm, wer Böses dabei denkt… 🙂

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