Sailor’s paradise – Musket Cove, Malolo Lailai – 28.06.2017

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Jeder Segler kennt es, über alle Grenzen hinweg berühmt für seine Gastfreundschaft, die „Two-Dollar Bar“, Beach Partys, Ankern im Paradies. Musket Cove. Angefangen hat es in den frühen Siebzigern des vorigen Jahrhunderts, da begann man mit dem kleinen Laden „Traders“ die Versorgung der umliegenden Inseln abzudecken. 1975 startete das Resort mit 12 „Bures“, das sind einheimische Hütten mit Strohdach. Der Segelsport gewann zu dieser Zeit immer mehr an Bedeutung. Günstiger Urlaub für Segler, so der Slogan.

Die alten Bücher versprechen ein wahrlich Segler freundliches Plätzchen. Angelockt von diesen Versprechungen machen wir uns auf, diesem legendären Ort einen Besuch abzustatten.

Nun, was ist übrig geblieben von den Eindrücken der Autoren der einstigen Segler-Literatur.

Positiv zu erwähnen ist sicherlich der kleine Laden, der nach einem Brand vor einigen Jahren modernisiert wurde und einen guten Qualitätsstandard bietet, der für Fiji nicht ganz selbstverständlich ist. Frischeste Bio-Eier, Gemüse und Frischwaren zu einem vernünftigen Preis, die Auswahl überschaubar und ausreichend. Malolo Lailai punktet desweiteren durch das Fehlen jeglichen Strassenlärms, hier fährt man mit dem Rad oder dem elektrisch betriebenen Golfwagen.

Das Resort, in Malolo gibt es insgesamt vier, allesamt in australischem Besitz, ist mittlerweile ganz auf den gehobenen Tourismus ausgerichtet. Von den einstigen Ideen der Gründerväter ist nicht viel übrig geblieben, der gemeine Segler hat das Nachsehen. Man wartet sehnsüchtig auf Mega- und Superyachten.

Wenn man seinem Anker anstatt eine der maroden Bojen, für die eine ordentliche Gebühr fällig wird, den Vorzug gibt, nimmt die Freundlichkeit der sonst gutmütigen Fijianer schnell ab. „Sailors welcome“ Schilder sind nicht mehr vorhanden. Traurigerweise erkennt man die erlernte Gier nach dem Geld der Besucher, welche ihnen Ihre Kolonialherren aus Australien und Neuseeland über die Jahre geflissentlich beigebracht haben. Leider nur zu dem Zweck, den Lehnsherren, und nicht sich selbst, die Taschen zu füllen.

Eine lebenslange Mitgliedschaft im größten Yacht Club der Welt, meine Nummer ist die 18021, zum Preis von 10 FJD, inkludiert die Benützung des Dinghi Stegs, des Swimmingpools, der sanitären Anlagen und Brauchwasser. Trinkwasser ist kostenpflichtig, Treibstoff empfindlich teurer als auf den Hauptinseln.

Alle übrigen Serviceleistungen, wie Restaurants, SPA, Fährverbindung nach Nadi, Unterbringung in Bungalows oder Hotel-Appartments und Fahrradvermietung, befinden sich im obersten Preissegment, abgestimmt auf den vorherrschenden Tourismus. Fiji ist für die Australier in etwa so, wie Malorca für die Europäer. Fähre, Wasserflugzeuge und Hubschrauber fungieren als Zubringer, holen und bringen hektisch Gäste, die Auslastung der Anlagen scheint aber trotz alldem, nur mäßig zu sein.

Sehr gepflegt erscheint Musket Cove, die Anlagen gut in die Landschaft integriert, eine kleine geschützte Marina in der inneren Lagune bietet auch bei Hurricanes einen relativ guten Schutz. Auf den umgebenden Hügeln mit tollen Aussichten auf den Pazifik befinden sich wunderschöne Privat-Villen mit ihren noch schöneren Pools, welche von der Bordfrau in einem unbeobachteten Moment getestet und für gut befunden wurden.

Beim Erkunden der Insel entdecken wir ein verstecktes Anwesen aus längst vergangenen Zeiten. Wie in einem Dornröschenschlaf erscheint es uns. Der Baustil erinnert an eine Filmkulisse, entsprungen aus einem Italo-Thriller. Eine kopflose, weibliche Statue thront am Rande eines verwitterten Pools, der Ausblick einfach grandios.

Der Plan geht auf, wir können uns nach einem sicheren, aber sehr arbeitsreichen und schweißtreibenden Aufenthalt in der Vuda Marina wieder etwas entspannen, den Salzwasserpool genießen, relaxen und ein paar Wochen in klassischer Seglermanier abhängen.

Einige Bilder von Seglern, aus den Anfangszeiten Musket Coves, ausgestellt im „Traders“, lassen erahnen, wie es damals war, ohne moderner Hilfsmittel durch die gefährlichen Riffe zu manövrieren um dieses kleine paradiesische Eiland zu erreichen. Hut ab, vor diesem Mut und Pioniergeist!

Individuell Reisende sind in diesen Zeiten eher selten anzutreffen und immer öfter muss man den modernen Abenteurern vom betreuten Segeln, World-ARC und dergleichen, ihre Dekadenz nachsehen. Sie brauchen nicht auf ihre Resourcen zu achten, die Möglichkeit sich mitunter ein paar Nächte im Luxusbett zu gönnen, ist jederzeit gegeben, das Ordern von Touristenprogrammen miteingeschlossen. Sie lieben es, dies auch noch in den sozialen Medien breitzutreten womit ihre permanente Gefallsucht befriedigt wird. Ist nicht schön anzuschauen und hinterlässt einen etwas fahlen Geschmack. Die Meere sind mittlerweile voll von dieser Ideologie, was jedoch nur den momentanen Zeitgeist widerspiegelt.

Abenteuer konsumieren statt erleben ist halt nicht jedermanns Sache, aber über Geschmack lässt sich bekannterweise streiten…

Tahiti Impressionen und was sich sonst noch tut – 15.06.2016

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Der Morgen danach ist wohl einer der schönsten Momente im Leben eines Seglers. Wie ausgewechselt sind jetzt die Bedingungen, die Morgensonne lacht vom Himmel und langsam erwacht Leben auf der Insel. Es riecht nach frischem Kaffee, das Klappern von Geschirr erregt meine Aufmerksamkeit. Langsam fährt mein Körper alle notwendigen Systeme hoch, müde Knochen und schmerzende Gelenke erinnern an die zuvor erlebten Strapazen.

„Früüühstück!“ Der gute Geist des Schiffes hat schon alles vorbereitet, wunderbar, nur noch schnell ins Bad. Eine sanfte Geräuschkulisse von Land ist zu vernehmen, Vorfreude auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Als dann auch noch während der morgendlichen Notdurft auf der nahegelegenen Straße ein großvolumiges, japanisches Bike röhrt, werden Erinnerungen an vergangene Zeiten wach. Ich stelle zufrieden fest :„Das wird ein guter Tag, hier gefällt es mir!“

Und so ist es auch. Bei Tageslicht stellen wir fest was für einen wunderbaren Platz wir zum Verschnaufen erwischt haben. Wir liegen wie in Abraham`s Schoß, ganz so wie man es sich nach einem Hardcore-Segeltörn nur wünschen kann. Ein misstrauischer Blick in den Motorraum – kein Wasser! Super! Mit der Erkenntnis nicht zu sinken, alle Gedärme noch innerhalb meiner Bauchdecke und keinen Zeitdruck zu haben, mache ich mich über ein liebevoll zubereitetes Frühstück her.

Die Lebensgeister kehren zurück, auch bei Conny ist Strahlen und Freude zu erkennen, die Anspannung der letzten Tage verfliegt und lässt uns wieder durchatmen. Der positive Eindruck dieses Ortes verstärkt diese positiven Gefühle.

Wir beschließen noch einen weiteren Tag hier zu verbringen und beginnen mit den nötigen Aufräumarbeiten. Ich kümmere mich um draußen, Herr Krabberich, unser Leichtmatrose, ist sowieso schon seit Sonnenaufgang beim Arbeiten und die Chefin bringt das heillose Durcheinander hier drinnen wieder in Ordnung. Seewasser ist während des Unwetters beim Niedergang eingedrungen, das muss schleunigst raus, Salz im Schiff ist schlecht und Material mordend.

Beim Großsegel ist nur ein gebrochener Rutscher und ein gelöster Liekstrecker zu beklagen, Glück gehabt! Dieses Tuch, ein sehr stabiles, finnisches Produkt, funktioniert hervorragend und bringt 1,5 Knoten mehr als unser altes Segel, erstaunlich. So wird getrocknet, geputzt, geordnet, geschlichtet und genäht, bis die Dunkelheit hereinbricht.

Der Tagesablauf des gemeinen Seglers ähnelt, nach einigen Jahren unterwegs, dem eines Huhnes. Aus Ermangelung künstlicher Beleuchtung passt er sich wieder einem natürlichen Lebensrhythmus an. Bei Sonnenaufgang steht er auf, bei Sonnenuntergang legt er sich schlafen und gelegentlich legt er auch ein Ei. :-). An die Segler-Mitternacht um 21 Uhr, haben wir uns längst gewöhnt.

Nach der zweiten, der eigentlich erholsameren Nacht, nach jeder längeren Passage, brechen wir auf. Wir besichtigen noch den kleinen, gleich nebenan liegenden, wirklich idyllischen, aber leider voll besetzten Yachtclub, de Tahiti, machen uns dann auf zum Passe de Papeete, der Einfahrt zum Haupthafen der Insel. Unser Ziel ist die Marina Tahina, eine Meile südlich der Start und Landebahn des Internationalen Flughafens Faa’a. Dieser Flughafen ist die einzige Möglichkeit, im Umkreis von einigen tausend Kilometern, Amerika, Asien oder Australien zu erreichen.

Und so dieseln wir in die Hafeneinfahrt, melden uns vorschriftsmäßig auf Kanal 12 bei „Papeete Port and Air Control“, fragen höflich, ob wir die Runway passieren dürfen. Eine Sicherheitsvorkehrung, damit startende oder landende Flugzeuge nicht die Mastspitze abrasieren. Wir motoren durch die, zwischen Insel und vorgelagertem Riff, gut gekennzeichnete Fahrrinne. Eine reger Verkehr von Motorbooten, vollbeladen mit Mädchen, ausgerüstet mit allerlei Angelzeug und lauter Musik.

Die Geschwindigkeitsbegrenzung von 5 Knoten scheint hier von niemandem ernst genommen zu werden, nicht einmal von der Polizei. Wozu auch? Wir befinden uns auf einem der schönsten Plätze der Erde, Flugzeuge spucken jede Menge Urlauber aus, Party!!!! Alle wollen in kürzester Zeit alles, was es hier so gibt, auf ihrer Liste abhaken. Jet-Ski, Tauchen, Fischen, Wasserski, eine Unzahl von Möglichkeiten werden geboten. Jeder will der Schnellste und am der lautest Juchzende sein! Hier wird keinem die gute Laune vermiest, zu exklusiv die Destination.

Wir melden uns an der anderen Seite des Flugfeldes nochmal bei der Air Control, passieren auf dem Weg Richtung Marina Tahina das Ressort des Intercontinental´s, ein Top Spot mit vorgelagerten Wasserbungalows, und können von Weitem das vor dem Innenriff angelegte Bojenfeld der Marina sehen. Gegenüber diesem ein Ankerfeld, ebenfalls mit vielen Schiffen. Die Marina scheint ziemlich ausgebucht. Steuerbordseitig, keine 10 Meilen entfernt, die Silhouette von Moorea, bekannt als eine der schönsten Destinationen dieser Welt.

Linkerhand der Küstenabschnitt, dahinter die ansteigenden, immerhin bis zu 2000 Meter hohen Berge. Wider Erwarten bekommen wir doch noch einen Platz in der Marina. Für drei Tage, gleich an der Stirnseite der Hafeneinfahrt, gegenüber der Tankstelle, es ist vieles zu erledigen. Unser letzter Marinabesuch ist ein knappes Jahr her. Waschen die Wäsche, spülen die Wassertanks, machen klar Schiff. Sehr wichtig: Eine Diagnose einholen, es ist höchste Zeit für einen Besuch im Krankenhaus. Der Unterleib macht definitiv Probleme, Bewegung und Belastung sind schmerzhaft. Das scheint gar nicht so einfach zu werden…

Nachdem wir bei Philippe, dem freundlichem Marine Manager höchst unbürokratisch ohne jeglichen Zettelkram eingecheckt haben, kommt uns Meister Zufall zu Hilfe. „Martin is here!!!!“ ich drehe mich um, und sehe Karl, den Sohn von Adam und Kim. Kanadische Freunde, denen ich in Nuku Hiva aus einer technischen Misere helfen konnte. Bevor wir noch wissen wie uns geschieht, finden wir uns am Nobelsteg auf der „Wind of Change“, einer Lagoon 450, mit Eigner Gert wieder. Der gebürtige Deutsche ist in jungen Jahren nach Amerika ausgewandert. Ihn kennen wir ebenfalls aus Nuku Hiva. Adam und seine Familie verbringen bei ihm die letzten Tage vor ihren Heimflug nach Kanada. Ihre Yacht wurde bereits in Raiatea an Land gekrant.

Mein Missgeschick ist schnell erklärt und dann erlebe ich, wie über meinen Kopf hinweg die Maschinerie der Seglercommunity ins Laufen kommt. Schon tags darauf werde ich in deren Mietauto verfrachtet und nach Papeete in das Krankenhaus gebracht. In der Notaufnahme erklärt Adam, er ist ehem. internationaler Eiskunstläufer, dem Personal in perfektem Französisch mein Problem. Das hilft enorm. Als auch noch im Behandlungsraum ein Deutsch sprechender Pfleger auftaucht, sich meiner annimmt und den Übersetzer macht, geht alles reibungslos. Untersuchung, zwei Leistenbrüche, ein Nabelbruch. Kein Heimfliegen, kein Segeln, einfach zu riskant. Ich werde an eine Klinik überwiesen, die den Eingriff eventuell noch am selben Tag durchführen würde.

Eine kleine Formalität ist noch zu klären, die Kostenübernahme. Da wir uns glücklicherweise auf französischem Boden befinden, bezahlt meine österreichische Sozialversicherung die Behandlung. Leider besitzt die Klinik kein Lesegerät für die europäische Sozialversicherungskarte, das sollte aber kein Problem darstellen. Ein kurzes, formloses Mail mit Bestätigung der Kostenübernahme, meint die nette Dame in der Verwaltung, würde reichen, um sofort operieren zu können. Tja, liebe Freunde, und was dann kommt, könnt ihr euch sicher, nein, das könnt ihr euch nicht vorstellen, das ist der Stoff, aus dem die Märchen sind und das klingt dann in etwa so…

…am Horizont, das wütende Galoppieren eines Amtsschimmels ist zu hören! Es ist erwacht, das Ungeheuer, der grausame Verbündete des Büro-Tigers! Seit Kaisers Zeiten wüten diese Bestien, tapfer stellen sie sich gnadenlos jeder Form der Einfachheit in den Weg. Dem Formular E 111, ja, dem muss unbedingt genüge getan werden! Die Etikette verlangt danach! –– Eine dunkle Zeit beginnt, und es braucht ein Wunder. Nur Ritter Rainhardt, Retter der gequälten Seelen, er kann das Labyrinth des Glaspalastes durchdringen! …Und so weiter und so fort.

Wahnsinnig aufreibend und ermüdend diese Angelegenheit. Erst die Intervention eines lieben Freundes in Wien konnte etwas bewegen.

Also fertige ich mir in der Zwischenzeit ein Bruchband an, um einigermaßen schmerzfrei und mobil zu bleiben. Wir verlegen aus Kostengründen an eine Boje und endlich, nach langen zwei Wochen, ist alles geklärt. Ich darf mich zum ersten Mal unter das Messer legen. Conny hilft wo sie kann, muss aber zwischenzeitlich nach Wien zurückfliegen. Da die Verletzung etwas umfangreicher ist, die linke Leiste ist ebenfalls gerissen, gibt es später als Draufgabe später noch eine zweite OP, die dann folglich alleine über die Bühne gebracht werden muss.

Nein, so wirklich einsam bin ich nicht. Unsere Haus- und Bordkrabbe, Herr Krabberich, hatte volle drei Tage die Option, an der Kaimauer der Marina von Bord zu gehen. Wir haben beobachtet, wie er auf den Fendern gesessen hat, nur wenige Zentimeter von der Mauer entfernt. Er ist geblieben. Er hatte die freie Wahl und obwohl jede Menge seiner Artgenossen zu sehen waren, zieht er unsere Gesellschaft vor. Beeindruckend, wie unser Schiff seine Heimat geworden ist.

Meist abendlich, bei Sonnenuntergang, leistet er mir Gesellschaft und manches Mal bin ich mir beinahe sicher, dass er mich versteht. Und was ist schon dabei, andere lassen sich die harte Fersenhaut von speziellen Fischen abknabbern. Krabben können das auch und er macht seine Sache wirklich gut! 🙂

Marquesas oder Te Fenua Enata – 31.12.2015

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Blütenmelange
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Ein mystischer und mächtiger Anblick. Hohe Berge, von schwarzem Lavagestein umgeben und mit üppigem satten, grünen Bewuchs übersät. Buchten, die Schutz vor den endlos scheinenden Wassermassen des Pazifiks bieten. Nuku Hiva, Hauptinsel, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum der Marquesas. Von weitem schon kann man den betörenden Duft der Frangipanibäume wahrnehmen, eine Farben- und Blütenpracht, die ihresgleichen sucht.

Einmal angekommen, spürt man die erdige, in der Abgeschiedenheit des Ozeans gewachsene Vergangenheit dieser Kulturen. Sie ist allgegenwärtig. Tikis, steinerne Figuren heidnischen Ursprungs, mit teilweise furchterregendem Aussehen, wachen allerorts und sollen vor bösen Geistern schützen. Fernab der Kontinente, irgendwann von Westen her besiedelt, entwickelte sich ein Lebensraum voll mit bodenständigen Werten. Wenn sich abends die Dorfgemeinschaft versammelt, um für das traditionelle Art-Festival zu üben, fühlt man schon mal die Gänsehaut. Besonders die Kriegstänze, dargeboten von jungen, muskulösen, vor Testosteron strotzenden Männern, lassen die raue Vergangenheit dieses Volkes im Geiste wieder aufleben. Im Gegensatz dazu die erzählenden, gemeinschaftlichen Tanzvorführungen der Frauen und Männer, untermalt mit Trommelrhythmen und schönen Gesängen, die tief im Innersten die Seele des Zuhörers berühren.

Aber auch hier ändern sich die Zeiten, Tradition und Moderne prallen, wie so oft, aufeinander. Vor 20 Jahren durfte sich der herkömmlich Segler über einen Blumenkranz zur Begrüßung freuen, vor 120 Jahren gab es sogar noch zwecks Weitergabe von überlebenswichtigem, genetischem Material ein paar hübsche Mädchen oben drauf. Heutzutage prägen Handys, Internet und Autos das Alltagsbild. In gut sortierten Läden ist alles für den täglichen Bedarf erhältlich, sauber und adrett zeigt sich dieser Außenposten der Europäischen Union. Politisch gehören die Inseln zu Frankreich, zolltechnisch sind sie eigenständiges Gebiet. Die EU fördert ihre Übersee-Terretorien mit nicht zu wenig Mitteln, anders scheint der Wohlstand hier nicht erklärbar zu sein. Man sieht, den Menschen geht es gut, die Lebenserwartung ist allerdings auch nicht allzu hoch. Seit der japanische Pickup Truck das hier vorkommende und frei lebende Wildpferd als Transportmittel abgelöst hat, herrscht eindeutig Bewegungsmangel. Starkes Übergewicht, falsche Ernährung und Tabakkonsum tragen das ihre dazu bei.

Freundlich sind die Einwohner hier allemal, der gemeine Segler wird als Gast gesehen und auch so behandelt, Seefahrt ist allgegenwärtig und lebensnotwendig. Das wöchentliche Versorgungsschiff transportiert Frachtcontainer und neuerdings auch zahlende Gäste durch die Inselwelt. Ein weiteres unverkennbares Anzeichen für das Erscheinen ortsfremden Kapitals: Sobald man morgens die Marktfrauen geschmückt und in traditioneller Bekleidung sieht, weiß man, ein kleineres Kreuzfahrtschiff liegt vor Anker. Ein weiterer erschreckender Auswuchs unserer Wohlstandsgesellschaft, der Rubel rollt! Beiboote voller Gäste pendeln ständig hin und her, lassen uns kleine Ankerlieger kräftig wackeln.

So kommt es, dass vielerorts, weißhäutige Vertreter der meist gut betuchten, älteren Generation, im Gleichtakt herumirren. Inselrundfahrten werden feilgeboten, hektisches Treiben überall. Trommler an der Anlegestelle sorgen für Stimmung und jeder versucht, ein paar Scheine aus den lockeren Geldbörsen der Touris zu ergattern. In den Gesichtern derer erkennt man allzu oft ein fast entschuldigendes Lächeln, als ob sie wüßten, dass ihre touristische Anwesenheit unnatürlich, wenn nicht geradezu dekadent erscheint. Eine Besichtigungstour im Menschenzoo sozusagen. Nun, jeder wie er glaubt. Aber Gott sei Dank ertönt nachmittags das Schiffshorn und genau so schnell wie der Spuk gekommen ist, verschwindet er auch schon wieder am Horizont.

Wir sehen hier gerade den Umbruch von Tradition in die sogenannte „Moderne“. Wie schon zuvor in der Karibik und in Lateinamerika, erkennen wir auch hier die typische Handschrift der wirtschaftlichen Globalisierung. Waren noch vor einigen Jahren die reichlich vorhandenen Obst- und Gemüseplantagen zur Ernährung der Inselbewohner und deren zur See fahrenden Gäste gedacht, dienen sie mittlerer Weile den Besitzern der größten und schönsten Villen des Ortes als ertragreiche Lebensgrundlage. Diese Grundbesitzer haben den Zeitgeist erkannt und diktieren nun die Preise. Wie und was gepflanzt wird, richtet sich wahrscheinlich auch hier schon nach den staatlichen Fördertöpfen und nicht nach den Bedürfnissen.

Atemberaubend das Tempo in dem ein Volk, das noch vor nicht allzu langer Zeit dem Kannibalismus frönte, online geschalten wurde. Wir fragen uns immer öfter, ob wir mit unserer Reise nicht doch etwas zu spät begonnen haben. Die Wirklichkeit verdrängt das herkömmliche Klischee bei weitem. Keine Frage, der rasante Fortschritt macht nirgendwo halt und hat sicher auch seine Vorteile, er überfordert aber dennoch vielerorts die Menschen und mutiert, ähnlich einem Krebsgeschwür, zum Selbstzweck.

Auf diesen herrlichen Inseln galt und gibt es aber noch anderes zu ergattern. Die Seelen der Menschen. Auf diese haben es die Missionare verschiedenster Religionen seit vielen Jahren abgesehen. Heidnisches Leben, Nacktheit und freizügige Sexualität, wie auch die kulturell gewachsene und anerkannte Transsexualität sind seit jeher ein Dorn im Auge eines jeden Missionars. Die Katholiken haben hier anscheinend die bessere Arbeit verrichtet. Heute sind die Inseln größtenteils katholisch und ein Gottesdienst vor Ort ist auch für Menschen ohne Bekenntnis ein schönes und interessantes Erlebnis. Auch wenn man, so wie ich, der französischen Sprache nicht mächtig ist, erkennt man die Verbundenheit dieser Gemeinschaft. Das wunderschöne, gut besuchte, Gotteshaus bietet Sonntag morgens die gesellschaftliche Kulisse. Ein mitreißend predigender Priester, wunderschöne Gesänge und spielende Kinder. Zweifellos eine große Bereicherung für alle. Eine runde, herzliche Sache.

Krasser Gegensatz zu den Gottesdiensten in meiner Erinnerung, wo mit weinerlichem Singsang und einschüchternd klingenden Predigten den Leuten schon von Kindesbeinen an Gottesfurcht eingebläut wird. Ganz zu schweigen von den ekeligen Skandalen, die nun immer mehr aufgedeckt werden… Auch Vertreter vieler anderer Religionen sind vor Ort und ziehen pilgernd durch die Straßen, es wird nach wie vor um jede Seele gekämpft. Wie überall, wo Bildung und Kultur noch nicht weit fortgeschritten sind, suchen die Menschen Halt im Glauben. Nach westlichen Maßstäben darf dieser auf keinen Fall heidnischen Ursprungs sein.

Aber noch reiten sie am Strand, die maskulinen Männer mit wilden Tattoos, verbreiten einen Flair von Wildnis und Abenteuer. Originale, denen man das Leben in der Natur ansieht, stehen Schlange hinter den bereits domestizierten Artgenossen, ein etwas surreales Bild. Man kann nur hoffen, dass die Menschen hier ihren Wurzeln noch ein wenig länger treu bleiben…

Neulich in Portobelo – 27.05.2015

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Zwei Uhr morgens, immer noch in Portobelo. Ich versuche der schwülen Hitze der langsam einsetzenden Regenzeit zu entkommen und flüchte schweißgebadet aus meiner Kabine in das Cockpit. Melodiöse, lateinamerikanische Musik beschallt die Bucht, eine leichte Brise transportiert auf angenehme Weise die aufgestaute Hitze aus dem geschundenem Körper. Vorbereitungen am eigenen Schiff, Reparaturen auf fremden Schiffen, Systemerhaltung. So ziemlich alles wird bei den vorherrschenden klimatischen Bedingungen zur großen Herausforderung. Lagerkoller macht sich breit.

Die letzten Wochen haben deutlich ihre Spuren hinterlassen. Es sind nicht die großen Tiere, die einem hier ernsthafte Probleme bereiten. Haie, Krokodile, Schlangen und alles was der nahe Dschungel so zu bieten hat, scheinen sehr bedrohlich. In Wirklichkeit aber, sind es die winzigsten Lebewesen wie Bakterien, Viren, Mikroben, die einem das Leben schwer machen können. Bei diesen tropischen Temperaturen holt man sich ziemlich rasch eine Infektion. Auch ich habe es wieder einmal geschafft, diesmal ist es ein astreiner Rotlauf am Bein. Nun, die Bordapotheke kann es wieder richten. Alte Seglerweisheit: „Da nehmen wir Penicillin, dann ist der Virus hin“. Eine Antibiotika-Infusion bleibt mir dieses Mal, Gott sei Dank, erspart, die Penicillinbomben wirken.

Während ich so da sitze, muß ich immer wieder an das Schicksal einer Kollegin denken. Gestern erreichte uns eine sehr traurige Nachricht. Susi, eine zweifache Weltumseglerin, gerade war sie dabei mit ihrem Mann den Katamaran für die dritte Runde vorzubereiten, ist ganz plötzlich und überraschend im Krankenhaus von Panama City verstorben. Hantavirus. Nur vier Tage hat es von der Infektion bis zum sicheren Tod gedauert. Unfaßbar! Das Virus wird von Mäuse- und Rattenkot übertragen. Beim Frühjahrsputz wurde ihr das Staubsaugen in ihrem Strandhaus zum Verhängnis. Kontaminierte Staubpartikel setzten sich in ihrer Lunge fest, eine sehr agressive Lungenentzündung war die Folge. Niemand konnte ihr mehr helfen, ihr Mann mußte den Lauf der Dinge fassungslos hinnehmen. Tiefe Betroffenheit in der Seglergemeinde.

Mittlererweile ist es auch der Bordfrau zu heiß, und so sitzen wir gemeinsam draußen und philosophieren vor uns hin. Plötzlich, ein unüberhörbares, kollektives Brüllen der Affen im nahen Dschungel. Das Affenbarometer schlägt wieder einmal an, ein sicheres Zeichen, dass der nächste Regenguss nur wenige Minuten entfernt ist. Nördlich der Bucht sehen wir bereits den starken Schauer, wie eine sich messerscharf abgrenzende Linie auf der Wasseroberfläche, auf uns zukommen.

Am nächsten Morgen, das Telefon läutet. Birgit, die Frau von Rainer dem deutschen Segelmacher, bittet uns völlig aufgelöst um Hilfe. Rainer geht es nicht gut. Er hat Schüttelfrost, hohes Fieber und windet sich mit starken Schmerzen. Auf Grund der Beschwerden vermuten wir ein ernstes Problem mit den Nieren oder der Blase. Sein menschlichstes Bedürfnis funktioniert nicht mehr… So etwas passiert natürlich, wie kann es anders sein, am 1. Mai, auch hier ein Feiertag. Die kleine Sanitätsstation im Ort ist geschlossen und wäre sowieso keine große Hilfe. Die nächste kompetente ärztliche Versorgung: 30 km weit entfernt, in Sabanitas.

Und so kommt es, dass ich meinen hoch gewachsenen Freund, der mit Fieber und vor Schmerz kaum mehr gehen kann, mit Thomas dem Taxifahrer, ohne Rücksicht auf Verluste, in rasender Fahrt, laut hupend und wild gestikulierend, durch den chaotischen Verkehr, dort hin begleite. Trotz berstend vollem Wartesaal werden wir vom diensthabenden Arzt sofort empfangen und kompetent betreut. Er läßt keine Zeit verstreichen und handelt mit Erfahrung.

Mittlererweile geht es Ray schon besser, alles ist gut gegangen. Aber es hat sich wieder einmal gezeigt, wie wichtig gegenseitige Hilfe sein kann.

Es regnet seit Tagen, der Fluß aus dem nahen Dschungel spült braunes Wasser und jede Menge Treibholz in die Bucht. Während unter anderem eine tote Kuh an unserem Boot vorbeitreibt, lese ich wohlstandsgenährte Nachrichten aus der Heimat. Nichts wirklich Neues. Der Norden Afrikas und der Nahe Osten sind jetzt endgültig destabilisiert, gelenkte Flüchtlingsströme werden nun auf Mitteleuropa losgelassen, …Aha! Andersgläubige hinrichten ist momentan auch sehr angesagt und der russische Bär wird gereizt, …Hmmm! Geheimdienste überwachen den Bürger nun ganz genau, damit auch wirklich jeder Cent in die Rettung der Hochfinanz gepumpt werden kann. Ampelmännchen, bärtige Würste, und so weiter, und so fort. Brot und Spiele, wie im alten Rom.

„Conny, hast du schon das E-Mail wegen unseres Rettungspaketes nach Brüssel geschickt?“ „Ja klar, die haben auch schon geantwortet. Wir sind schließlich keine Bank, wir sollen uns unseren Urlaub gefälligst selbst bezahlen!“ Ha,ha! Urlaub??? Schallendes Gelächter auf der Alien. Also wirklich, keine Ahnung, die Bürokraten. Spätestens nach zweieinhalb Jahren auf Achse weiß man, daß das was da abgeht, mit Urlaub kaum etwas zu tun hat. Wer das glaubt, hat schlicht und einfach keine Vorstellung. Aber woher sollte man das auch wissen? In den Vorträgen und Büchlein der Seglergemeinde klingt doch immer alles so toll! Ok, wie wir alle wissen, ist mit der Wahrheit nun mal kein Geld zu verdienen. Das haben wir ja vom Mainstreamjournalismus gelernt. Also muß die rosarote Brille für die Gutmenschen her, um wenigstens ein klein wenig davon zu profitieren. Sagenhaft, was man in so manch dieser Segelreisetagebücher zu lesen bekommt. Was tut man nicht alles für Klicks und Likes. Die begehrte Anerkennung erhält man dann ganz bequem, online und mittels Mausklick. Einerseits schon sehr praktisch, die moderne Elektronik, andererseits aber auch ein Fluch.

Die tote Kuh ist mittlererweile bei Erwin, einem Freund aus Österreich, der gleich hinter uns ankert, angekommen. Otti, sein kleiner schwarzer Hund, dreht kurz den Kopf zur Seite, begutachtet das schon aufgedunsene Tier und spekuliert mit einem Nachmittagssnack. Erwin hebt oberlehrerhaft den Zeigefinger und spricht: „Nein, Othello, du hattest gestern schon Krokodil. Zuviel ist ungesund!“ Unsere Blicke treffen sich, das Gelächter ist groß.

Damit der Segleralltag nicht all zu schwermütig wird, beschließen Conny und ich noch einen Abstecher zu den angeblich so paradiesischen San Blas Inseln zu machen. Denken wir mal positiv, übersehen die fernsehenden Kuna Indianer und den Plastikmüll hinter den Hütten, ein idyllisches Plätzchen zum Relaxen ist sicher auch für uns dabei. 🙂

Portobelo, oder da wo die Straßen enden – 03.03.2015

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Nach nur 60 Meilen in Richtung südwestliches Kolumbien endet voerst die Panamericana, eine der wohl bekanntesten Nord-Süd Verbindungen eines Kontinents. Das 90 km lange, noch nicht fertiggestellte Teilstück soll durch den Isthmus von Darien führen, ein Gebiet bergigen Urwaldes. Die endgültige Fertigstellung wird wohl noch ein wenig dauern, es gibt viele Gegner. Man will einerseits den Regenwald schützen, andererseits will man den Drogenhandel zwischen den beiden Ländern nicht noch mehr forcieren. Wer also auf dem Landweg nach Süden reisen möchte, muss wohl oder übel übers Wasser und die erst vor kurzem ins Leben gerufene Fährverbindung Colon – Cartagena de Indias nutzen.

Während der spanischen Kolonialzeit war Portobelo ein gut geschützter Hafen. Viele Festungsanlagen zeugen noch heute davon, 1980 zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt, sind sie aufgrund des permanenten Geldmangels dem sicheren Verfall geweiht. Blutige, grausame Auseinandersetzungen gab es hier und einige berühmte Freibeuter wie Sir Francis Drake, der genau hier an Fieber starb und als erster englischer Weltumsegler in die Geschichte einging, Henry Morgan und die üblichen Verdächtigen in Sachen erobern, plündern, herrschen und befreien, haben deutlich ihre Spuren hinterlassen.

Lateinamerika ist bekannt für seine rauhen Sitten, die Gewaltspirale dreht sich, der Drogenkonsum ist enorm und die Hemmschwelle zur Gewalt dementsprechend gering. Mein siebenter Sinn meldet sich, Vorsicht ist angesagt! Einem jungen Mann aus Portobelo wurden vor nicht allzu langer Zeit, direkt am Hauptplatz des Ortes, ganze 10 Kugeln in den Kopf geschossen. Ein Exempel wurde statuiert, eine unmißverständliche Botschaft an Freunde und Familie, man legt sich besser nicht mit den Kartellbossen aus Colon an. Nachrichten auf panameño sozusagen, live, ganz ohne Fernseher. Den können sich hier sowieso nur die wenigsten leisten.

Angesichts dieser nicht sehr freundlichen Umgebung, gilt natürlich auch in der Bucht vor Anker erhöhte Aufmerksamkeit. Nicht nur wegen der Kaimane und Haie, die sich gelegentlich im Wasser tummeln. Nein, der Mensch ist hier vor Ort das gefährlichere Raubtier!

In diese Bucht hat es neben durchreisenden Seglern, die auf ihren Kanaltransit warten, sämtliche Lebenskünstler und durchgeknallte Zeitgenossen, vieler Nationalitäten verschlagen. Aus den unterschiedlichsten Gründen sind sie hier. Auf Suche nach gut betuchten Chartergästen, Bordfrau ist am Horizont verschwunden, schlecht geplantes Budget, desolates Schiff, Alkoholprobleme, Sinn des Lebens verloren oder gleich mehrere dieser Faktoren vereint. Manche versuchen mit allen Mitteln von hier wegzukommen, viele haben längst aufgegeben. Sie wohnen teilweise auf abenteuerliche Weise in den übrig gebliebenen Fragmenten ihrer Schiffe und erzählen Tag für Tag vom Wegfahren und von einem neuen Leben, dass sie sich unter Einfluss von großen Mengen Alkohol herbeiträumen. „Bald geht es wieder los, ganz sicher!“ – Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Gleich nach unserer Ankunft und Abwicklung der abenteuerlicher Einklarierungsformalitäten erreichte uns noch eine Hiobsbotschaft betreffend unserer Wohnung aus der Heimat und die Bordfrau musste kurzfristig und zähneknirschend einen Heimflug buchen, um außerplanmäßig zu Hause nach dem Rechten zu sehen. Super! Perfektes Timing, just bei den Vorbereitungen zur Kanaldurchfahrt. Wie heißt es doch so schön: Shit happens!

Ich halte bis zu ihrer Rückkehr die Stellung und repariere noch einige andere Schiffe. Selbstverständlich kümmere ich mich auch um die Reparatur und Verstärkung meiner Windsteueranlage und aller sonst so anfallenden Arbeiten, damit unserer Weiterreise, nach der Rückkehr des Admirals, nur ja nichts mehr im Wege steht, wir wollen nicht noch mehr Zeit verlieren…

Wieder einmal ist es der Schützenhilfe von Andreas und einem guten Freund und Uhrmacherkollegen zu verdanken, dass ich mein Schiff selbst und rasch reparieren kann. Eine Lieferung von für uns sehr wertvollen Konstruktionsteilen steht an. Andreas fertigt die Teile, Michl nimmt diese über Deutschland mit in die USA und versendet sie als Geschenkspaket. Conny bereitet die notwendigen Papiere dafür vor. Unkompliziert können wir unser Geschenkspaket direkt in der Zona Libra in Colon abholen. Genial, kein Zoll, der Transport kostet uns lediglich 15 Dollar und eine Unterschrift. Ein herzliches Dankeschön Leitstelle, professionelle, saubere Arbeit! Somit kann die Konstruktionsarbeit für unsere Windsteueranlage 2.0 weitergehen, ein Reservemotor für den Autopilot ist nun ebenfalls mit dabei.

Was gibt es sonst noch über dieses Ecke Panamas zu sagen, die großteils vom herumliegenden Müll, Kanaltransit, Gewalt, Korruption und Drogenhandel bestimmt wird? Einmal abgesehen von einem sehenswerten, sehr abenteuerlichen Transportsystem mittels alter amerikanischer Schulbusse, nicht besonders viel. Erinnert mich irgendwie an ein truck race mit Passagieren, ein gnadenloses Martyrium!

Die Behörden Panamas versuchen seit Jahren alles, um die Kriminalität in den Griff zu kriegen. Schwerstbewaffnete Polizei mit kugelsicheren Westen und automatischen Waffen an jeder Straßenecke in Panama City, allgegenwärtig auch Zwei-Mann-Sondereinheiten auf Motorrädern. Absolut freundliche Polizisten, wo sie sind, ist man in Sicherheit. Auf uns Gringos, die wir Geld ins Land bringen, wird acht gegeben! Erst in der Nähe dieser Jungs sollte man sich bücken um in seinem Rucksack kramen. Fragt man sie nach dem Weg, kann es schon mal vorkommen, dass man die paar Straßen einfach bis zu seinem Ziel begleitet wird. Sehr zuvorkommend!

Colon, 4 Uhr nachmittags, heulende Sirenen. Andere Stadt, das selbe Bild. Bei einer Einkaufstour beobachte ich, wie eine Motorradstreife einen angehaltenen Mopedfahrer kontrolliert. Der Beifahrer der Streife springt ab, macht zwei schnelle Schritte rückwärts und sichert sogleich seinen Kollegen. Sofort visiert er konzentriert und mit durchgeladener Uzi die zu kontrollierende Person. Eiskalt, bis die Überprüfung zu Ende ist. Alles läuft ohne Hektik bzw. Stress ab, scheinbare Routine bei allen Beteiligten. Anschließend brausen die beiden Cops davon, die Waffe lässig und gut sichtbar in der rechten Hand des Beifahrers. Bienvenidos en Panamá !!

Sofern man die San Blas Inseln und Bocas del Toro schon besucht hat, will man als Segler in Colon eigentlich nur mehr eines, nämlich so schnell wie möglich durch den Kanal. Die Strapazen, die man auf sich nehmen muss, um in den Weiten des Pazifiks zu verschwinden, scheinen viel geringer, als sein Dasein hier fristen zu müssen. Groß aber auch die Gefahr hier einer von ihnen zu werden, nämlich ein „Pirat of the Caribbean“.

Also unternehmen wir alles, um unseren Kanaltransit noch in dieser Saison durchzuziehen. Es ist an der Zeit, endlich dorthin zu kommen wo es noch lachende, freundliche und unverdorbene Menschen geben soll.

Flug DE6258 – 19.12.2014

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Das monotone, immer gleichbleibende Dröhnen der Triebwerke lässt mich tief in die Leselektüre, die ich vor mir auf dem kleinen Klapptisch ausgebreitet hatte, versinken. Der Bestseller „Traumfänger“, die wahre Geschichte einer amerikanischen Ärztin, die von den Ureinwohnern zu einem Walkabout im australischen Outback eingeladen wurde, fesselt mich. Ein Zitat aber, erregt meine besondere Aufmerksamkeit:

„Es gibt nur einen Weg, eine Prüfung zu bestehen,
man muss sich ihr stellen. Dies ist unumgänglich!“
(Der Älteste, Königlicher Schwarzer Schwan, Outback Australien 1994)

Während ich fasziniert über diese Erkenntniss nachdenke und dabei Löcher in den Vordersitz starre, kommen nach und nach die Erinnerungen an die letzten drei Wochen hoch. Alles in allem eine sehr positive Zeit! Ich wurde eingeladen, während meines Wien Aufenthalts, bei Ferdl, einem Zimmerkollegen aus unserer gemeinsamen Ausbildungszeit in Karlstein und seiner Frau Gabi, in deren Haus zu wohnen. Und am Stammtisch der Uhrmacher-Brüder sind wieder einmal die letzten 35 durchlebten Jahre unter lautem Hallo, untermalt mit heiteren Anekdoten, zu einem Nichts verblasst.

Wie immer, bei Aufenthalten in der Heimat, Treffen mit guten Freunden und Familie, herzliche Wiedersehen, aber auch wehmütige Abschiede. Der Amtsschimmel wiehert dieses Mal sehr laut und es verlangt nach einer großen Portion karibischer Gelassenheit, anstehende Hürden sinnloser Bürokratie, in der alten Heimat zu bewältigen.

Anders als sonst empfinde ich eine Leichtigkeit des Seins, wie es nur das Zurück zur Natur, die Bereitschaft sich außergewöhnlichen Prüfungen zu stellen, hervorbringt. Verdutzte Gesichter, wenn ich von meinem „Rückflug“ nach Grenada berichte. Rückflug? Ja, mein Zu Hause ist natürlich da, wo ich mich gerade befinde. Spirituelle Gesetzmäßigkeit. Eine der zahlreichen Facetten des Seglerlebens! Sobald ich gefragt werde, erzähle ich, nicht ganz ohne Stolz, die Beweggründe meines neuen Lebens.

Mein Blick schweift durch die Boeing. Eine Handvoll Personen sitzt bereits ohne Socken in Sandalen da. Zweifellos Kollegen, die in Gedanken bereits entspannt, bei einem Sundowner, den Tag ausklingen lassen. Gegensätzlich die auffallende Kriegsbemalung, zur Schau gestellt mit einem laszivem Gesichtsausdruck, der erwartungsvollen Urlauberinnen. Die Zeit drängt, es will doch alles untergebracht werden!

Ein menschliches Bedürfnis lässt mich in das Heck der Maschine schlendern. Ein hektischer Passagier hantiert mit seinem Handgepäck. Ein unnatürliches Ächzen der Gepäcksklappe ist die Folge, das malträtierte Teil hängt nun herab und lässt sich nicht mehr schließen. Die Cabin Crew versucht ihr Bestes, aber die Tücken der ausgemergelten Technik sind gnadenlos. Interessiert beobachte ich die Szene. Als die große, blonde Chefstewardess zum Höhrer greft, um das Cockpit zu informieren, höre ich das kleine imaginäre Teufelchen, das mich gelegentlich reitet, aus meinem Mund sprechen: „Ich bin Techniker, soll ich mir das mal anschauen?“ „Ja, würden sie wirklich?… das wäre sehr nett, ja, bitte gerne!“ Resolut bahnt sie uns einen Weg durch die vor den Toiletten wartenden Passagiere und geleitet mich zum Gepäcksfach Nr. 38. Insgeheim triumphiere ich! Auf einer vollbesetzten Boeing, in 10000 m Flughöhe, herumschrauben! Das wollte ich immer schon!

Tatsächlich zeigt sich das gebrochene Scharnier, das durch einen starken Federspeicher unterstützt wird, als sehr widerspenstig. Beim dritten Versuch rastet das Fach mit einem knackenden Geräusch, unter den Blicken der neugierigen Passagiere, in eine sichere Position ein. So kann es bei einer harten Landung, die wir anschließend auch hatten, nicht herabfallen oder jemanden verletzen!

Der blonde General der Cabin Crew bedankt sich überschwenglich bei mir. Reichlich mit Schokolade beschenkt, endlich meines Bedürfnisses erleichtert, kehre ich auf meinen Sitzplatz mit mehr Beinfreiheit, er befindet sich beim Notausgang,  zurück.. Ich genieße das letzte Kapitel meines Buches, lasse den spirituellen Geist, den es verbreitet, in mir zu. Ja, und irgendwie ist mir der heitere Grinser, der sich auf meinem Gesicht ausgebreitet hat, bis heute, nicht abhanden gekommen.

„Cabin Crew clear for landing!“ Mit einem harten Ruck setzen wir am Maurice Bishop International Airport auf. Im Augenwinkel meine ich auf der Tragfläche sitzend, meinen imaginären Freund Teufelchen mit dicker Zigarre, Rastahaube und Sonnenbrillen gesehen zu haben… „Jeah Man, das nächste Mal aber, möchte ich im Cockpit sitzen! Cooool, Man!!! Respect!!! :-)))

Die automatische Tür der Ankunftshalle öffnet sich, die Freiheit hat mich wieder! Voller Tatendrang freue ich mich nun schon auf meinen Kapitän i. V., warmes Wetter und neue Abenteuer, die es bald wieder zu erleben gilt.

Grenada Drag Race und eine Zeitreise in die 80iger (Juni 2014)

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Lady HP
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Ein Plakat in St. Georges erregt meine Aufmerksamkeit. International Drags am Pearl Speedway Grenada. Die Gelegenheit, wieder einmal Rennluft zu schnuppern, lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Da Sonntags die Sammeltaxis nicht verkehren, beschließen wir am Samstag das Training zu besuchen. Etwas nördlich von Grenville liegt das alte Flugfeld von Grenada, bestens geeignet um die Gelüste der hiesigen Speedjunkies zu befriedigen. Die Piste ist nach Osten ausgerichtet, genügend Auslauf und ein wunderschönes Panorama mit Blick auf den Atlantik.

Ein kurzer Rundgang durch das Fahrerlager bringt Erinnerungen und vergessen geglaubte Emotionen zum Vorschein. Erster Weg, natürlich zu den Bikes. Nur ein kleine Gruppe vertritt die einspurige Gilde. Seriennahe Bikes bis 1000 ccm, 15 Jahre alte Modelle, aber auch noch ältere Technik, kommen zum Einsatz. 9 Sekunden benötigen die schnellsten Piloten mit Lachgas-Einspritzungen für die 400 Meter lange Sprintstrecke. Das reißt mich nicht sonderlich vom Hocker, Hayabusa & Co mit standardmäßigen Tuning-Teilen würden hier sicher um den Tagessieg fahren.

Also schlendern wir weiter und während immer mehr Fahrzeuge ihre Test-Runs absolvieren, entdeckt Conny, die noch keine Race Erfahrung hat, das lokale Damenteam. „Lady Horse Power“ ist gut organisiert, sehr symphatisch und vorne mit dabei. Wir sehen auch einige Kleinwagenchasis, wie zum Beispiel einen Datsun aus den 70igern oder einen Fiesta aus den 80igern, die unscheinbar herumstehen. Rennfahrwerke mit dicken Rädern verstecken sich im Kompaktmaß unter den Karosserien, Überschlagstütze und Bremsfallschirm sauber verbaut. Keine Lufthutze, kein Firlefanz. Wie sich später herausstellt, handelt es sich hierbei um den Wolf im Schafspelz und die Kollegen aus Antigua sind absolute Witzbolde und Tiefstapler.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind an der Strecke, nun nennen wir es einmal, „verbesserungsfähig“, aber Dank dessen können wir hautnah mit dabei sein. Keine Feuerwehr, keine Streckenposten, Hunde und Zuschauer queren die Strecke, und überhaupt scheint es so, als ob alle machen was sie gerade möchten. Etwas chaotischer wie in meinen Rennfahrerzeiten, aber dafür mit großer Begeisterung!

An der Startlinie fällt mir ein weißer 69er Ford Mustang auf. Das Muscle Car läuft nicht ganz sauber, aber schon jetzt kann man das Potential des Motors erkennen. Fehlzündungen und schwarzer Rauch aus dem, was man hier Auspuff nennt. Definitiv zu fett eingestellt. Im Fahrerlager zieht es mich förmlich zu diesem Boliden. In einem Smal Talk mit dem Fahrer und Mechaniker des Scorpion Racing Team bringe ich meinen Senf ein. „Scorpion“, so wie der Ex-Wrestler und Händler von Tuning-Teilen aus Trinidad genannt wird, erkennt sofort sachliche Kompetenz. Da er nur mit kleiner Crew und wenig Equipment angereist ist, lädt er uns für den morgigen Renntag zu sich in die Box ein. Uns von Wobourn abzuholen und wieder zurückbringen, würde er gerne übernehmen, Boxenkarten des Scorpion-Teames sind auch vorhanden. Er kann gut eine zweite Meinung und die helfenden Hände eines ehemaligen Racers brauchen. Ja, der Wahnsinnsfaktor vereint…

Am nächsten Morgen gilt es um 5 Uhr früh aufzustehen und die windige Wobourn Bay mit dem Dinghi zu durchqueren um auf der Straße vom Team aufgenommen zu werden. Wir haben noch einen Ventilator zum Kühlen des Triebwerkes sowie den Infrarot-Temparaturmesser im Gepäck. Geschlafen haben wir nicht richtig, denn das Adrenalin-Fieber hat mich definitiv gepackt. Wieder einmal in ein Fahrerlager einzufahren und noch dazu mit „unserem“ Team war ein unbeschreibliches Gefühl. Nun heißt es, den brandnagelneuen 13 Liter V8 Pontiac/Moroso Rennmotor mit 1300 PS, des Mustangs einzustellen. Erst wenn er sauber läuft, kann die die Nitro-Einsprtzung aktiviert werden und so über 2000 PS freisetzen. Dieses Rennen wird von Scorpion in erster Linie zum Einstellen des neu aufgebauten, 60 000 US$ teuren Motors verwendet. Sollten wir in kurzer Zeit die richtige Einstellung finden, könnten wir aber um den Tagessieg fahren, das Potential ist allemal vorhanden…

Am Nachmittag steigert sich die Stimmung, die Motorsport begeisterten Grenadiner pilgern in Scharen zur Strecke. Nur mühsam kann von den Veranstaltern die Kontrolle über das Event aufrechterhalten werden. Durchsagen wie „Die Fahrer werden gebeten, doch bitte Helm und Gurt zu verwenden“ oder „Die Polzei beginnt nun aus Sicherheitsgründen mit der Räumung des Startbereiches“ sind desöfteren zu hören. Zwischen den regulären Starts gibt es Testruns und Burn Outs nach Belieben. Hierbei entwickeln sich wahre Inselgefechte, die heimischen Piloten werden vom Platzlautsprecher und den Fans lautstark angefeuert.

Die Fahrzeuge sind nun gut abgestimmt und die Races werden spektakulärer. Der kleine Datsun brennt alles nieder, was sich neben ihn auf die Piste stellt. Das Geheimnis: Wankel! Mit aufgeblasenem Mazda RX-7 Triebwerk erreicht er ein Top-Leistungsgewicht und kann nur mit Mühe von seinem Fahrer und Erbauer auf der Piste gehalten werden. Der Kraftzwerg wird am Ende nur mehr von einem Top-Fuel V8 Dragster auf den letzten Metern überholt, die Zeit des Datsun: 8,3 Sekunden, damit trennen ihn nur 0,3 Sekunden von der Tagesbestzeit. Wahnsinn, mein absoluter Liebling!

Und wie ist es uns ergangen? Der Mustang lief besser und besser, die 13 Liter Hubraum eine brachiale Gewalt. Probleme mit dem 2-Gang-Renngetriebe und ein Ölleck machten Schwierigkeiten, und nachdem der Motor schon einmal auf der Strecke Feuer gefangen hatte, mußten wir aus Sicherheitsgründen abbrechen. Allerdings konnten wir wichtige Erfahrungen sammeln und es war ein Vergnügen mitzuarbeiten und meinen Beitrag zu leisten. Karibisch fröhliche Zanglerei, gepaart mit mitteleuropäischer Gründlichkeit, es war ein großartiges Erlebnis. Auch Conny hat es sehr genossen, die Athmosphäre im Rennstall kennenzulernen und so hautnah am Geschehen zu sein. Immerhin hat sie dann ja auch die „Lady Horse Power“ Truppe lautstark, ja fast schon karibisch, angefeuert. Diese Massenbegeisterung ist einfach ansteckend!

Auch mir hat dieses Erlebnis bei Scorpion wieder gezeigt, einen Ex-Racer kann das Rennfieber immer wieder packen. Um 30 Jahre jünger habe ich mich auf einen Schlag gefühlt! Schade nur, daß mein Freund Andreas nicht pötzlich mitsamt seinem Werkzeug neben mir aus dem Boden gewachsen ist. Ihn habe ich am meisten vermisst! Mit seiner fundierten Erfahrung über solche Rennbiester hätten wir Skorpion am Ende den Siegerkranz umhängen können, vom Spassfaktor ganz zu schweigen. Oder die Scherben vom explodierten Motor zusammenfegen helfen, je nachdem. Denn Aufgeben kann man einen Brief auf der Post, aber niemals das Rennfahren (alte Weisheit aus frühen Zeiten in Zeltweg)!!!

Fortbewegung in Griechenland (November 2012)

Fahrzeug1
Fahrzeug2
Fahrzeug3
Fahrzeug4
Fahrzeug5

Es kann auch ganz einfach sein. Fahrzeuge sind nun mal zur Fortbewegung da, solche als Statussymbole sieht man hier eher selten. Ich bin vom Fach und einiges gewöhnt, aber manches hier läßt auch mich staunen. Vor allem die Gelassenheit der Exekutive. Ein nördlich der Alpen ansässiger Staatsdiener würde angesichts solcher Zustände sofort versuchen, das defizitäre Staatsbudget mittels Einnahmen aus Strafzetteln zu schmälern. Sonnenklar!

Hier aber ist alles easy! Deshalb hat man vorsichtshalber mal großteils gar keine Nummernschilder angebracht. Und wenn, dann nur zur Dekoration. Tatsache! Gefahren wird mit allem, was sich bewegt, speziell viele Zweiräder sind hier zu sehen. Interessanterweise wird sehr viel mehr Rücksicht auf Fußgänger und Radfahrer genommen, als im System der komplizierten Regelwerke. Spielende Kinder, alte Menschen, Katzen, streunende Hunde, hier alles ganz normale Verkehrsteilnehmer. Alles verschwimmt in ein harmonisches Ganzes.

Ganz klar, Eigenverantwortung schärft das logische Denken. Aber sollen wir das Denken im gobalisiertem Einheitsbrei nicht den Mächtigen überlassen? Hm…. bin schon gespannt, ob sich die Griechen in diese Richtung lenken lassen. Warum auch?

Sir Barney and his british family (Oktober – November 2012)

Community
Marina Lefkas
Porto Bar
Sir Barney
Sir Barney2
Werkstattbus

Marina Lefkada, angeblich eine der schönsten Marinas in Griechenland, so sagt man. Schönheit liegt allerdings immer im Auge des Betrachters und so sehen wir über einige der landestypischen und für uns unverständlichen Traditionen hinweg. Zum Beispiel über das Abfackeln der in der näheren Umgebung gelegenen Müllhalde oder den Discolärm, der sich am Wochenende bis in die Morgenstunden zieht. Andere Länder – andere Sitten.

Auch die Community der Yachties, die hier einen guten Platz zum Überwintern oder als Dauerlieger gefunden hat, entwickelt sich zur eigenen Kultur. In unserem Fall ist es eine der britischen Art. Für unsere Sprachkenntnisse ein absoluter Glücksfall, der Lerneffekt ist enorm.

Das Headquarter ist die Porto Bar. Chef Costar sorgt gut für seine Gäste. Direkt an der Mole gelegen, ist die Bar ideal als gesellschaftlicher Mittelpunkt geeignet. Man trifft sich, es wird geplaudert und gescherzt was das Zeug hält. Hier halten alle zusammen wie Pech und Schwefel. Unglaublich aber, ist der Mix aus Briten, Australier, Norweger, Belgier, Iren, Schotten, Österreicher (wir die Einzigen!), Israelis und Amerikaner, eine Familie der besonderen Art.

Sharky und Kevan, zwei ehemalige „Red Devils“ (berühmte Fallschirmspringer-Einheit der britischen Air Force). Hier in Lefkas haben Sie sich nach vielen Jahren wieder gefunden. Oder der 71jährige Arnie, eine Formel 1 Techniker-Legende. Zu seinen Freunden zählen unter anderem die Musiker von Pink Floyd. Jan aus New Hampshire, ein Techniker der alten Schule. In seinem Werkstattbus fühle ich mich besonders wohl. Und zuletzt Martin aus Deutschland. Er renoviert hier mit deutscher Gründlichkeit seine 60 Fuß große Segelyacht, die er aus Neuseeland überstellt hat. Seinen Schiffsbauingenieur schickte er kurzerhand bei uns vorbei, um mit Rat und Tat zu helfen. Alles großartige Menschen, man fühlt sofort wohl in dieser Gemeinschaft.

Jeder bringt sich ein und die gegenseitige Hilfsbereitschaft ist vorbildlich. Es werden Listen mit Namen und Nationalität erstellt, regelmäßige Treffen organisiert und Erfahrungen ausgetauscht. Die jeden Mittwoch stattfindende Movie Night gehört genauso dazu wie das Curryfest oder der Gedenktag der gefallenen Soldaten.

Nach wenigen Wochen fühlen wir uns voll integriert und versuchen auch unseren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten. Sobald ein Handwerker, Mechaniker oder Hilfe gebraucht wird, sind wir zur Stelle. Das macht Spaß!

Ein Barhocker im „Porto“ ist immer von Sir Barney besetzt. Und ist einmal kein Platz frei, springt er so lange von Schoß zu Schoß der Gäste bis freiwillig ein Platz geräumt wird. Die Rede ist hier von einem sehr schönen Kater namens Barney. Kevan und Linda, ein britisches Seglerpärchen, hat den nur wenige Tage alten Kater in einem Schutthaufen nahe der Marina gefunden und bei sich aufgenommen. Daher auch der Name, „Barney Rubble“, abgeleitet von den Flintstones. Nun hat er sein Zuhause auf einem Segelschiff.

Besonderheit dieses Katers: „A dog in a catsuite“. Der Eindruck bestätigt sich. Er kennt alle Personen in der Marina, kommt regelmäßig zu Besuch an Bord und hat sicherlich schon in jedem Boot geschlafen. Für den Fall, dass er verloren geht, trägt er ein Halsband mit seinem Namen und Kevans Telefonnummer.

Als eines Abends ein britischer Kollege zu tief in`s Glas geschaut hatte und er mittels Huckepack auf sein Schiff zurücktransportiert wurde, erwies sich Kater Barney als sehr hilfreich. Da die Kellnerin und Ihr Freund nicht wußten, zu welchem Schiff er gehört, war guter Rat teuer. Barney allerdings weiß, wo wer wohnt. Also übernahm er die Führung dieses Schwertransports und lief schnurstraks voraus zum richtigem Schiff.

Wir haben sie sehr ins Herz geschlossen, unsere Familie in Lefkada. Klassenunterschiede verschmelzen, Herkunft, Nationalität oder Alter erweisen sich als unbedeutend. Vom Generaldirektor bis zum Lebenskünstler, alles ist hier vertreten. Man hat hier tatsächlich das Gefühl von Gemeinschaft und Geborgenheit. Die eigenwillige Art auf einem Schiff zu leben, schweißt zusammen und dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit vermissen wir leider in der sogenannten Zivilisation immer mehr.

Wenn einer eine Reise tut, …. (Oktober 2012)

Hafenathmosphäre
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Endlich der Tag des Aufbruchs. Sichtlich gezeichnet von den Strapazen der Vorbereitungen nehmen wir aufgeregt unser neues Leben in den Angriff. Was wird uns erwarten? Soviele gute Ratschläge haben wir erhalten, alle von ganz lieben Menschen. Weltumsegler versuchten uns noch die Quintesenz ihrer Erfahrungen zu vermitteln, um unnötige Fehler zu vermeiden. Eine wirklich eingeschworene Familie aus Aussteigern, Sonderlingen und Rebellen, diese Yachties.

Aber Erfahrungen muss man bekanntlich immer selber machen. Eigentlich wollten wir nur einmal um`s nächste „Eck“, denn Anker fallen lassen und mal so richtig ausschlafen. Hätten wir nur auf unsere innere Stimme gehört, wären wir gleich weitergesegelt nach Süden und das Stromkabel in Chioggia wäre uns nicht zum Verhängnis geworden. Aber, was wäre wenn… die Realität ist nun mal anders.

Die fünf Wochen Reparatur in Porto Garibaldi haben uns vielleicht vor einem noch größeren Unglück bewahrt. Immerhin konnten wir uns dort endlich ausschlafen, was wir ursprünglich eigentlich auch vor hatten. Und jetzt, im Nachhinein betrachtet, erscheint uns das Überwintern in Griechenland als das geringere Übel. Wenn wir nun die stürmische Wetterlage im westlichen Mittelmeer betrachten, die schon seit September anhält, ist die Marina Lefkas die bessere Alternative für uns. Aber auch hier bläst es oft tagelang, mit 6-7 Windstärken und wir fragen uns, was ist eigentlich los mit dem Wetter? Hat der Klimawandel endgültig alles auf den Kopf gestellt? Und wird es nächstes Jahr überhaupt besser?

Wir studieren natürlich auch die Berichte unserer Seglerkollegen, haben deren Vorträge besucht und uns inspirieren lassen. Dort erfährt man von tollen Orten, von interessanten und liebenswerten Bekanntschaften und von der tollen Zeit, die in vollen Zügen genossen wurde. Wenig Worte vom Schweiß und den Tränen, den endlosen Arbeitstagen, Unwettern, Existenzängsten und Zweifeln, die einem so plagen. Klugerweise will man die Leser und Gäste der Vorträge nicht langweilen. Nur das Schöne lockt die Daheimgebliebenen, das Fernweh nach Südsee und Palmen.

Die Realität jedoch sieht etwas anders aus. Conny und ich haben beschlossen, auf diese Seiten etwas mehr einzugehen. Manchmal frage ich mich ehrlich, warum tue ich mir das an? Ich sehe die arme Bordfrau wie sie sich manchmal verzweifelt nach einer Dusche, Badezimmer und einem gemütlichen Bett sehnt. Der scheinbare Luxus der Zivilisation erleichtert das Leben schon sehr und hält uns von Kindesbeinen an gefangen. Anstatt dessen, spartanische Bedingungen auf einer 38iger Janneau, tagelanges Gschaukle im Sturm, Seekrankheit und Chaos.

Ich ertappe mich selbst, wenn mir der Mund offen bleibt, bei Yachten weit über 15 Metern und mehr. Wurde denn das Geld abgeschafft? Hab ich da was nicht mitbekommen? Wo ist mein Luxusdampfer, auch ich möchte meine Frau verwöhnen und verwöhnt werden!

Aber gleich ist da wieder die Vernunft, die mir zeigt ich bin sehr wohl Millionär. Kein Geldmillionär, sondern Zeitmillionär, wie das Kollegen von uns so schön formuliert haben. Diese unbewohnten Luxustempel stehen oft nur zwecks Prestige herum, denn ihre Besitzer sind rund um die Uhr damit beschäftigt, ihre Vermögen zu verteidigen. Sobald der Chef nicht da ist, stürzen sich die Aasgeier auf deren Hab und Gut. Ein Fluch des Reichtums…

Und dann die Belohnung für den Schweiß, die Arbeit und die Schmerzen. Mitten in der Nacht, einsam im offenen Meer, unter Segel. Ein Pfauchen neben dem dahingleitendem Boot. Ein Delfin, nein, eine ganze Herde! Sie springen aus dem Wasser, schauen Dich mit großen Augen fragend an. Was machst Du hier, Fremder? Egal, wir geleiten Dich ein Stück des Weges. Obwohl sie nicht sprechen können weiß man durch ihr Verhalten genau, was sie meinen. Ihre bewundernswerten Kunststücke im Licht des Vollmonds lassen die Szene einmalig schön erscheinen. Eine Vorstellung ganz für Dich alleine! Für eine Stunde lang bist Du Eins mit dem Universum. Natur, Mensch und Tier vereint. Da spürst Du das Leben in seiner ursprünglichen Form, im Hier und Jetzt.

In den Weiten der Ozeane findet man das letzte bißchen Freiheit unserer globalisierten Welt. Für die Zuhausegebliebenen steht Einheitsbrei an der Tagesordnung, das Denken wird vom System erledigt. Auf See gelten da andere Regeln wie z. B. das Leben mit der Natur. Den Naturgewalten soll und kann man nichts entgegensetzen, zu hoch wäre der Preis dafür. Mittlererweile verstehe ich den Aberglauben der Seefahrer. „Wir sind auf dem Weg nach…“ anstatt „Wir segeln nach…“ heißt es da nicht zu unrecht. Man weiß nie, was auf dem Weg passieren wird. Auch wir sind schon etwas ehrfürchtiger geworden, der Plan ändert sich stetig.

Ein vergilbtes Schild auf einer Yacht eines bekannten Seglers hat uns sehr gefallen. Es besagt folgendes:

„Als der Herrgott die gefahrenen Meilen der Segler mit dem Schweiß, der Mühen und dem Aufwand verglich, drehte er sich um und weinte gar bitterlich“.  –  Wie wahr!

Das rote Tor (August 2012)

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rotes Tor

Es zu sehen, war beruhigend, als wir Anfang März in der Werft der Marina Stella ankamen. Unser Ziel war, die Yacht aus dem Wasser zu kranen, an Land zu stellen und mit den letzten Vorbereitungen für unser bevorstehendes Abenteuer zu beginnen. Und so passierten wir zum ersten Mal das rote Tor.

Dass die nächsten fünf Monate sehr anstrengend werden sollten, war Conny und mir von Anfang an klar. Wie hart und mühsam es allerdings wirklich geworden ist, ist schwer in Worte zu fassen. Die Erledigung so vieler Aufgaben bringt eine gewisse Orientierungslosigkeit mit sich. Unsere bisherige bürgerliche Existenz aufzugeben und einen Traum zu verwirklichen, erforderte eine Menge an Logistik und Selbstüberwindung. Mein Geschäft zu übergeben, alles für die Renovierung des Schiffes vorzubereiten und Connys Arbeitsverhältnis zu lösen, waren nur der Anfang. Unseren beiden Familien schonend beizubringen, dass wir jetzt die Möglichkeit haben, uns einmal eine Auszeit aus der Gefangenschaft des modernen mitteleuropäischen Systems zu gönnen, das nun auch vollen Ernstes zu tun, erforderte bereits eine größere Menge an Überzeugungskraft.

Es ist für bodenständige Menschen nur sehr schwer nachvollziehbar, sich mit einem Segelschiff den Gefahren der Ozeane auszusetzen und auf diese Weise die Welt zu bereisen. Man beginnt sogar selbst manchmal daran zu zweifeln. Tun wir das Richtige? Können wir unseren Eltern das antun? Was ist mit meinem kleinen Sohn Daniel? Wird er verstehen, was seinen Vater in die Ferne treibt?

Zigmal diese 600 Kilometer zwischen Wien und Italien hin und her. Nur nichts vergessen, keine Zeit verschenken. In der italienischen Werft Tag für Tag, früh morgens bis spät abends werken, streichen, putzen und machen, Leiter rauf, Leiter runter, alles so gut wie möglich erledigen.

Und wenn wir uns eine kurze Pause gönnten, sahen wir da 150 Meter weiter dieses rote Tor. DIESES VERDAMMTE ROTE TOR. Noch so viel Arbeit vor uns. Nur mehr so wenig Zeit… Wann würden wir es endlich wieder von der anderen Seite sehen? Der Druck nahm ständig zu. Weit und breit keine wirkliche Hilfe bei der Arbeit, vor Ort, in Sicht. Die Hitzewelle erschwerte alles nur noch mehr. Einzige Möglichkeit: Nachtschicht, bis 4 Uhr morgens, beinahe jeden Tag, denn nur nachts hatte es erträgliche Temperaturen unter 30 Grad. Unglaublich was man alles aushält, hat man nur ein Ziel vor Augen.

In der Abenddämmerung erschien dann noch der Feind in Form der gemeinen Stechmücke. Arme Conny, sie hat darunter am meisten gelitten. Ihr Blut war ein Geheimtipp in Gelsenkreisen. Selbst Moskitonetze und schwere Chemie schützten die arme Bordfrau nicht ausreichend vor den Quälgeistern. Ich staunte immer wieder, wie tapfer Sie all diese Strapazen ertragen hat und trotzdem vollen Einsatz gezeigt hat.

Und wieder der Blick zum roten Tor. Diese 150 Meter erschienen uns als härteste und längste Strecke, die wir je zurückzulegen hatten…

Dann wieder ab nach Wien. Von Erholung jedoch keine Spur. Kein Tag Pause. Einkaufen, Wohnung fertig machen, alles für die längere Abwesenheit vorbereiten, dann die Eltern in NÖ besuchen und Daniel sollte auch noch so oft wie möglich seinen Papa haben. Viele Stunden an den Wochenenden gehen also auch noch mit Hin- und Herfahrerei im Auto drauf. Dann, nach ein paar Tagen, gleich wieder retour nach Italien, denn jeder Tag ist kostbar.

Das große Abenteuer vor Augen, uns gegenseitig Mut machend und mit dem Versprechen, nach dem Passieren des roten Tores mal ein paar Tage nichts zu tun und so richtig auszuschlafen, hielten wir uns über Wasser.

Aber gemeinsam haben wir es dann doch noch geschafft. Alle geplanten Arbeiten sind im Zeitplan fertig geworden und ALIEN, unser neues Zuhause für die nächsten Jahre, ist absolut toll geworden. Stolz auf unsere Arbeit sehen wir unser Schiff, am Kran hängend, das rote Tor passieren.

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